BELLE

Kritik zur Disneystory im farbenfrohen Anime-Gewand

Das preisgekrönte Meisterwerk BELLE von Mamoru Hosoda erschien am 9.6.2022 endlich in den deutschen Kinos. Ein farbenfrohes und einzigartiges Spektakel, das zum Nachdenken anregt und den Fluch und den Segen der digitalen Welt aufzeigt. Inspiriert von dem Klassiker “Die Schöne und das Biest” ist dieser Anime-Film eine sehenswerte Abwechslung zum Anime-Standard.

 

Die Story von BELLE

Die 17-jährige Suzu musste als Kind einen schweren Schicksalsschlag ertragen, den sie bis heute nicht verkraften kann. Durch den Verlust ihrer Mutter änderte sich ihre Leben schlagartig und fehlendes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen nahmen ihr die Freude an dem Hobby, das sie mit ihrer Mutter geteilt hat: dem Singen. Doch als sich ihr die digitale Welt der sogenannten “U” auftut, in der jeder das sein kann, was er möchte, findet Suzu ihre Stimme wieder. Schnell verzaubert sie Millionen User weltweit mit ihrer Stimme und erhält den Spitznamen “Belle”.

Doch während eines ihrer Konzerte in der U wird klar, dass nicht alles so friedlich und schön in der digitalen Welt ist, wie es ihr zunächst erscheint. Denn das von allen sogenannte “Biest” stört ihren Auftritt und kämpft um die Erhaltung seiner Anonymität. Trotz all dem Hass, der dem Biest von den andern Usern entgegen gebracht wird und seiner schaurigen Ausstrahlung, erkennt Suzu alias Belle die wahre Natur und das verletzte Wesen hinter der Fratze und begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit – sowohl in der digitalen als auch in der realen Welt.

BELLE zeigt wunderbar auf, dass die Grenzen zwischen dem realen Leben und der digitalen Welt miteinander verschwimmen und dass man sich im Netz nicht vor seinen Problemen verstecken kann. Beide Welten beeinflussen sich gegenseitig, im guten wie im schlechten Sinne.

 

Unsere Kritik zu BELLE

BELLE ist wahrlich ein einzigartiges Werk, das zwar die ein oder andere Schwäche aufweist, über die aber getrost auch hinweg gesehen werden kann. Das Aufzeigen dieser Schwachpunkte kann man durchaus als eine Kritik auf hohem Niveau bezeichnen. Denn sowohl thematisch als auch künstlerisch hat der Film so einiges zu bieten.

Farbenfrohe Animation trifft auf mausgraue Szenerie

Die Animation von BELLE kann sich sehen lassen. Die Szenen der “realen” Welt wurden per Hand gezeichnet und besonders die Szenerien und Hintergründe sind wunderschön und detailreich. Das Charakterdesign bzw. die Zeichnungen der Charaktere wirken dagegen teilweise etwas schlicht und erinnern an Hosodas früheres Werk “Das Mädchen, das durch die Zeit sprang”.
Die virtuelle Welt, die “U”, hingegen ist am Computer generiert und animiert worden. Der Unterschied ist deutlich zu erkennen. Die Charaktere weisen ein anderes Design auf und entfernen sich teilweise von dem typischen “Anime-Stil”.

Dies wirkt zunächst etwas ungewohnt, denn der Animationsstil wirkt dann doch manchmal etwas am westliches Zeichentrickdesign orientiert. Dennoch kann sich auch die CGI-Animation sehen lassen, besonders weil sie so vielfältig ist. Von flachen Ebenen mit ein paar zweidimensional wirkenden Wölkchen, bis hin zu einer Menge von tausenden dreidimensionalen Figuren, die zu einer Masse verschmelzen, ist alles mit dabei. Der Kontrast zwischen realer und digitaler Welt wird dadurch weiter verstärkt, dass der Schauplatz des realen Lebens in einer eher ländlichen Gegend ist, während die digitale Welt an eine geschäftige Großstadt erinnert.

Auch farbtechnisch gibt die Animation einiges her. So sind manche Szenen grau und trist, andere erstrahlen nahezu in der ganzen Farbenpracht eines Regenbogens; manche sind sehr dunkel, ja gar fast komplett schwarz, andere erstrahlen wiederum in hellem Licht und goldenen Tönen. Manchmal matt, manchmal glänzend, manchmal unauffällig und manchmal wieder schrill. Dem Auge wird in Belle so einiges geboten.

So ist nicht nur der Animationsstil kontrastreich, sondern auch die Farbgebung, besonders zwischen farbenfroh und mausgrau, wird dieses Stilmittel deutlich und untermauert den Ausdruck und die Stimmung der einzelnen Szenen und lenkt die Gefühlslage der Zuschauer*innen. Die Animation ist ein absolut gelungenes Spiel mit Stil, Farbe und Kontrast.

 

Ungewohnte Klänge verzaubern Anime-Fans

Der Film dreht sich inhaltlich um Musik; da verwundert es nicht, dass Musik und Ton im Film einen besonderen Stellenwert haben.

Eher ungewöhnlich für Anime-Filme sind die Gesangseinlagen der Protagonistin und diese fühlen sich zunächst auch so an, ist man dies doch eher von Disney-Filmen gewohnt. Doch die wundervoll komponierte Musik von Ludvig Forssel, die herzergreifenden Texte und Stimme lassen einen schnell über dieses Ungewohnte hinweg sehen, vereinen sie doch Die Schöne und das Biest mit der digitalen Welt. Doch nicht nur die Haupt-Songs bieten den Ohren so einiges. Verschiedene Genre erhalten an der ein oder anderen Stelle in BELLE Gehör, wie das Spielen einer Kapelle, ein Elektro-Mix, Streicher oder ein volles Orchester, und spiegeln die Vielfalt des digitalen Netzes wieder.

Doch auch das, was man nicht hören kann, unterstreicht in BELLE die ein oder andere Szene. So wird manchmal auf Musik und Hintergrundgeräusche gänzlich verzichtet, sodass die Handlung und das Gesagte im Vordergrund stehen. Es wird sich sogar einmal nur auf den Ton verlassen, als die Zuschauer*innen einen nahezu schwarzen Bildschirm sehen und die Ereignisse für wenige Sekunden nur über ihr Gehör verfolgen können. Musik und Ton treffen dabei immer auf den Punkt.

Besonders ist, dass in der deutschen Synchronisation auch die Lieder auf deutsch gesungen und nicht nur untertitelt werden. Dadurch kommt es leider zu erheblichen Unstimmigkeiten bei den Lippenbewegungen und dem hörbaren Gesang der Protagonistin. Allerdings rettet die wunderschöne Stimme und Darbietung von Lara Tautmann, auch bekannt als Lara Loft, dieses kleine Fauxpas und man schaut gerne über die Asynchronität zwischen Lippenbewegung und Text hinweg.

An dieser Stelle darf ein kleines Kompliment an die deutsche Synchronisierung nicht fehlen. Von vielen Fans der Anime-Kultur doch eher kritisch betrachtet, hat hier eine professionelle Synchronisierung und Übersetzung stattgefunden, die beim Anschauen des japanischen Werks ganz und gar nicht stört. Kann man über die Entscheidung, die japanischen Lieder ins deutsche zu übersetzen vermutlich etwas streiten, muss man sich eingestehen, dass Trautmanns Stimme einem Gänsehaut bereitet.

 

Thematik, die den Nerv der Zeit trifft

Doch BELLE überzeugt nicht nur mit einzigartiger Animation und ungewohnten Gesangseinlagen. Auch die Thematik des Films trifft den Nerv unserer Zeit. BELLE behandelt ein unheimlich komplexes und vielschichtiges Thema. Und das gelingt dem Film sogar recht gut.

Die Grenzen zwischen Realität und Virtual Reality, die Interaktion dieser beiden Welten und ihre Auswirkungen aufeinander – negative wie positive. Da weiß man gar nicht so recht, wo man denn nun anfangen soll.

In der U verschwimmen zunächst die physischen Grenzen zwischen Realität und der digitalen Welt miteinander. Anhand einer besonderen Technologie werden physische Eigenschaften auf den Avatar übertragen und Veranlagungen und potenzielle Fähigkeiten verstärkt – ein Grund wieso Suzu in der digitalen Welt plötzlich wieder singen kann.
Doch auch die Grenzen zwischen den Ereignissen innerhalb des Netzes und der realen Welt lösen sich immer weiter auf. Nichts, was in der U passiert, bleibt auch in der U und auch reale Ereignisse schlagen sich in der virtuellen Welt wieder. Dies fängt die Problematik der heutigen Zeit in der z.B. Phänomene wie das Cyber-Mobbing leider keine Ausnahme mehr ist, ein und zeigt auf, wie sich alles gegenseitig beeinflusst. Am Rande werden auch weitere Probleme des Internets aufgegriffen, wie z.B. der Zynismus und die Gleichgültigkeit, die bei vielen Usern herrscht.

Dennoch wird die Virtual Reality nicht als durch und durch “schlecht” oder “gut” betitelt. Beide Seiten werden aufgezeigt. Auf der einen Seite trägt man eine Maske, die das wahre Ich verbirgt und dessen Enthüllung quasi einem “Endgegner” gleicht. Niemand möchte er selbst sein im Netz. Doch auf der anderen Seite können in der digitalen Welt Menschen das von sich zeigen, was sie sich im realen Leben nicht trauen zu offenbaren. Verborgene Talente und Fähigkeiten können entfaltet werden. Virtual Reality wird in BELLE also keineswegs verteufelt. Die Flucht in die digitale Welt hilft vielen, mit ihren Problemen klarzukommen – sie können sich aber keinesfalls vor ihnen verstecken, das wird hier auch klar.

Somit behandelt Hosodas Werk ein unheimlich vielschichtiges Thema, wofür sich aber mit einer Laufzeit von gut zwei Stunden auch die Zeit genommen wird. Dennoch verliert man zwischendurch bei der Fülle an angesprochenen Themen doch hier und da etwas den Überblick. Schaden tut es der Story von BELLE jedoch nicht, es regt höchstens weiter zum Nachdenken über die Thematik und Problematik an und an der ein oder anderen Stelle denkt man darüber nach, wie das angeschnittene Thema in einem Film noch besser aufgegriffen werden kann.

 

Disney im Anime-Gewand

Abschließend muss natürlich auch kurz auf die Vorlage des Films eingegangen werden: Disneys Die Schöne und das Biest. Diesen Klassiker kennt wohl so ziemlich jeder. BELLE lässt die Geschichte in einer digitalen Welt mit modernen Problemen wieder auferleben. In BELLE gibt es viele Referenzen zum Disney-Film wie z. B., natürlich, die Protagonisten Belle und das Biest. Doch auch das Schloss und die berühmte Tanzszene finden in BELLE einen Platz und bringen ein gewisses Disney-Feeling in die Anime-Welt. Auch die Symbolik der Rose findet in diesem Werk eine besondere Rolle und wird immer wieder aufgegriffen. Die Kombination der Anime- und Disney-Welt scheint zwar auf dem ersten Blick etwas ungewöhnlich, ist aber absolut gelungen.

 

Informationen zu BELLE

  • Originaltitel: Belle: Ryu to Sobakasu no Hime
  • Laufzeit: ca. 121 Minuten
  • Heimkinostart: ab Juli 2022 als DVD und Blu-ray erhältlich
  • Altersfreigabe (FSK): ab 12 Jahren freigegeben
  • Besetzung: Kaho Nakamura, Ryo Narita, Shota Sometani, Tina Tamashiro

 

Trailer zu BELLE

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  • BELLE – Kritik zur Disneystory im farbenfrohen Anime-Gewand
    Fazit zu BELLE

    BELLE ist ein einzigartiger und ungewöhnlicher Anime-Film mit ernsthafter Thematik. Das Farbenspiel und die Musik verzaubern die Zuschauer*innen und regen sie zum Nachdenken über aktuelle Themen an. Der Film hat die viele Aufmerksamkeit absolut verdient. Obwohl er zunächst womöglich etwas ungewohnt erscheint, sollte man dem Film eine Chance geben. “Anders” bedeutet halt in vielen Fällen auch “schön”.

    Vanessa Jochum, Redakteurin
Farbenfrohe und abwechslungsreiche Animation
Herzergreifende Gesangseinlagen
Komplexe und moderne Problematik, die zum Nachdenken anregt
Im positiven Sinne ungewöhnlich und einzigartig

Ab in die Filmsammlung?

Ein Werk, das jeder Anime-Fan zumindest ein Mal gesehen habe sollte.

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Geschrieben von Vanessa Jochum
bewegt sich schneller als 5cm/s durch Raum und Zeit.
4 Kommentare

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