Nightmare Alley

Kritik zum modernen Film noir

“Nightmare Alley” ist das neue Meisterwerk aus der Feder des Oscar-Preisträgers Guillermo del Toro. Für die Handlung wurde der Roman Nightmare Alley von William Lindsay Gresham adaptiert. Wer sich ein wenig mit Herrn del Toros Werken auskennt, weiß, dass etwas höchst interessant Sonderbares auf einen zukommt. Und ich kann auf jeden Fall vorab schon mal sagen, dass Guillermo del Toro für meinen Geschmack endlich die perfekte Balance zwischen interessant und sonderbar gefunden hat. Dazu gesellen sich auch noch Schauspieler*innen deren Namen allein Zuschauer*innen vor die Leinwände locken. Aber was kreieren die Filmschaffenden denn nun genau für uns?

 

Die Story von Nightmare Alley

Kommen wir zunächst zur Rahmenhandlung dieser Geschichte. Wir schreiben die 1930- und 1940er-Jahre kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Film beginnt mit einer Sequenz in der Stanton Carlisle, gespielt von Bradley Cooper, erst eine Leiche mit samt kaputten Haus verbrennt und sich dann auf die Suche nach Arbeit macht. Er findet diese auf einem Jahrmarkt der Kuriositäten. Stan hilft den Leuten vor Ort und gewinnt so ihr Vertrauen. Angetan haben es ihm vorwiegend Zeena und ihr Mann Pete, welche eine Wahrsager/Medium Show abziehen. Die Show gefällt Stan so gut, dass er durch Manipulation die Geheimnisse der beiden ergaunert. Daraufhin beschließt er mit Molly zu verschwinden und in New York das große Geld zu machen.

Was tatsächlich auch funktioniert. Als “The Great Stanton” tritt er vor den Reichen der Stadt als Mentalist und Medium auf. Doch er geht zu weit. Auf der Suche nach mehr Geld und Erfolg benutzt er seine Kenntnisse des Menschenlesens, um die Wichtigen und Einflussreichen auszunehmen. Stan veranstaltet private Treffen, in denen er so tut, als ob er mit den verstorbenen Verwandten und Geliebten der Personen reden kann. Unterstützt wird er von Dr. Lilith Ritter, Psychotherapeutin, die ihre Sitzungen aufnimmt und so Stanton Informationen zu spielen kann, um die Scharade aufrechtzuerhalten. Dass sowas irgendwann im Desaster enden muss, erkennt Stanton viel zu spät.

 

Unsere Kritik zu Nightmare Alley

Wie bereits erwähnt handelt es sich um eine adaptierte Geschichte. Bereits in den 1940er gab es eine Filmversion der Erzählung im Film Noir Stil. Guillermo del Toro nimmt sich diesem Stil an und schafft es tatsächlich so etwas wie den modernen Neo Noir zu erschaffen. Seine Produktion ist kein Remake, der ersten Filmadaption, das sollte klargestellt werden, es ist ein reine Neuinterpretation des Romans. Der Film schafft es mit seinen langen 150 Minuten Laufzeit, die Zuschauer*innen in seine Welt eintauchen zu lassen. Als ich aus dem Kino raus war, konnte ich fast nicht glauben, dass über zwei Stunden vergangen waren. Brechen wir doch mal das Ganze runter auf verschiedene Einheiten des Films.

 

Guillermo del Toro ganz in seinem Element

Ich muss gestehen, ich war kein großer Fan von “Shape of Water”. Der Stil scheint sich von “Pans Labyrinth” und auch teilweise von “Hellboy” übernommen zu haben, aber die Handlung hatte mich nicht gepackt. So auch die “Pacific Rim” Reihe, die zwar unglaubliche Bilder zeigt, aber geschichtlich nicht ganz mithalten kann. Ganz anders jetzt “Nightmare Alley”. Diesmal wurde selbst ich komplett abgeholt. Angelehnt an den Neo Noir Stil, finden sich die verschiedenen Figuren in einer düsteren, pessimistischen Welt wieder. Das Sounddesign, die Kameraführung und die Lichttechnik, einfach alles sorgt dafür, diese stimmige Atmosphäre auf die Zuschauer*innen zu übertragen.

Vielleicht einziges Manko am Ton: Der Film lief in der Originalvertonung, weshalb einige der Figuren mit einem starken amerikanischen Akzent gesprochen haben (Bradley Cooper). Aber auch das half der Immersion und sorgte für einen realistischen Zusammenhang. Interessant fand ich, dass die Farbgebung sich im Film nicht groß änderte. Am Anfang während Stans Zeit auf dem Jahrmarkt war die Welt ein düsterer Ort und so auch die Welt der Elite von New York. Oftmals wird versucht zwischen solchen Ortswechseln auch einen farblichen Unterschied klarzumachen, aber hier nicht. Und das war auch gut so. Denn ganz getreu dem Noir Stil, ist es egal wer oder wo man ist, die Welt schenkt den Figuren nichts.

 

Ein echter Schocker als finale Auflösung

Es ist schwierig zu sagen, ob der Großteil der Filmhandlung klassisch als spannend bezeichnet werden kann. Keinen Moment saß ich gelangweilt im Kino, es gab immer wieder neue Situationen mit denen Stan und die Figuren umgehen mussten. Vor allem der erste Teil auf dem Jahrmarkt erschien mir sehr stark. Ein wunderbarer Willem Dafoe, der in seiner Rolle als Anführer Stan erzählt, wie ein Leben bei ihnen ausschaut und wie es gehörig den Bach heruntergehen kann – und er vielleicht auch irgendwann als “Geek enden könnte. Der “Geek” ist ebenfalls ein Teil der Show, nur, dass hier oftmals alkoholkranke oder drogensüchtige Veteranen ausgenutzt werden, um als “Manbeast” den Zuschauern präsentiert zu werden. Und wenn sie sterben, werden sie einfach durch neue ersetzt.

Am Anfang bezeichnet Stan sie noch als arme Schweine. Doch dieses eine Gespräch erschafft ein Foreshadowing, das zumindest mich während des gesamten Films nicht in Ruhe ließ. Danach in New York wird die Handlung ein wenig schwächer, aber nur weil man viele Einzelheiten schon irgendwo gesehen hat. Dr. Lilith Ritter, gespielt von Cate Blanchett, sorgt als Femme Fatale, dass Stan Molly betrügt und ihn dazu treibt, immer weiterzugehen, um noch reicher und erfolgreicher zu werden. Anfangs war mir komplett schleierhaft, was ihre wahren Beweggründe sind. Doch mit der Auflösung wird es klar.

Und was für eine Auflösung das war! Ich versuche so wenig zu spoilern wie möglich, aber eins kann ich versprechen, der Film fügt sich am Ende perfekt zusammen. Ich habe lange kein Ende mehr erlebt, dass so logisch und in sich geschlossen war. Das Finale wurde mit einer Deutlichkeit eingeläutet, ich dachte schon wir sehen gleich einen Schriftzug mit “Finaler Akt” auf der Leinwand. So immersionsbrechend war es jetzt nicht, aber falls sich jemand im Kino langweilte, war er oder sie ab diesem Moment hellwach und saß wie ich am Rande des Kinositzes. Typisch für das Noir Element, welche einen pessimistischen Einfluss einnimmt, gibt es kein Happy End. Zumindest nicht für unsere Hauptfigur Stan.

 

Das Schicksal von Stanton Carlisle

Neben den technischen Aspekten muss man auch die schauspielerische Leistung der Darsteller*innen loben. Während Cate Blanchett in “Don’t look up” eine eher seltsame Figur mimte, blüht sie mit Dr. Lilith Ritter förmlich auf. Sie schafft es perfekt Stan in sein eigenes Unheil zu manövrieren, was er wahrscheinlich auch selbst geschafft hätte. Und die geistigen Duelle zwischen Stan und Ritter wirken manchmal vielleicht nicht ganz so stark, aber sind dennoch mithilfe der Atmosphäre unheimlich spannend zu verfolgen. Rooney Mara, welche die Rolle von Stans Ehefrau Molly übernimmt, ist äußerst beeindruckend.

Jedes Wort und jede Emotion nimmt man ihr vollkommen ab. Als einen seltenen Fehler, der vielleicht gar keiner ist, sollte man erwähnen, dass die Figuren vom Jahrmarkt meiner Ansicht nach zu kurz kommen. Ron Pearlman, Willem Dafoe, Toni Collette, David Strathairn und viele weitere spielen ihre Figuren so interessant, dass ich fast gehofft hatte, es gäbe einen zweiten längeren Part, welcher im Jahrmarkt spielt. Aber wie zuvor erwähnt, wenn es ein Film schafft, Figuren zu kreieren, von denen ich mehr sehen will, dann ist das auf jeden Fall kein schlechtes Zeichen.

Kommen wir zum Ende hin zu Bradley Cooper und Stanton Carlisle. Oberflächlich würde man glauben, das wäre eine typische Bradley Cooper Rolle. Der coole, charmante Gauner mit dem verspielten Grinsen und durchdringenden Augen. Aber Cooper schafft es, Stan als den zu zeigen, der er nun mal ist. Ein manipulativer Egomane, der alles tut, um das zu bekommen, was er will. Die letzte Szene offenbart alles was die Zuschauer*innen von Stan erwarten konnten und es zeigt ihn als das, was er wahrhaftig schon immer zu sein schien. Es gibt keinen klassischen Helden in dieser Geschichte. Es gibt nur Überlebende. Überlebende einer Welt, in der sich Menschen das nehmen, wovon sie glauben, dass sie es bräuchten, ohne auf die Verluste und Konsequenzen zu achten. Und genau diese Bild schafft es der Film zu vermitteln.

 

Informationen zu Nightmare Alley

  • Originaltitel: Nightmare Alley
  • Laufzeit: ca. 150 Minuten
  • Heimkinostart: 27. Januar 2022
  • Altersfreigabe (FSK): ab 12 Jahren freigegeben
  • Besetzung: Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Ron Perlman, Richard Jenkins, Rooney Mara

 

Trailer zu Nightmare Alley

  • Nightmare Alley
    Fazit zu Nightmare Alley

    “Nightmare Alley” war für mich definitiv ein Highlight. Nach unzähligen gute Launefilmen oder epischen Blockbustern, sah ich seit langen eine düstere und menschliche Geschichte, wo eigentlich nur das reine Selbst auf dem Spiel stand. Ich bin zwar kein Experte was Film Noir und Neo Noir angeht, aber für mich hat Guillermo del Toro gezeigt, dass die Stilelemente immer noch gut in einen modernen Film übertragbar sind. Dazu kommen noch unglaublich gute Schauspieler*innen und technischversierte Mitarbeiter*innen, die einen der atmosphärisch stimmigsten Filme der letzten Jahre produzierten. Nicht umsonst findet man den Titel bei der Oscar Shortlist wieder. Aber gleichzeitig wirkt der Film nicht wie diese typischen nach Oscar greifenden Filme. Ich kann nur sagen, dass Jahr hat filmtechnisch gut für mich begonnen.

    Alex Weinstein, Redakteur
Perfekt düstere Atmosphäre die einem fast Angst einjagt
Glorreiches Ensemble mit Talent und Starglamour
Fulminate Auflösung die einen richtig wachrüttelt
Wie viele Filme will Willem Dafoe noch drehen?

Ab in die Filmsammlung?

Auf diesen Film muss man sich definitiv einlassen und es könnte nicht für jeden was sein. Aber wenn man einmal in den Bann gezogen wurde, will man nur noch solche Filme schauen.

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00
Geschrieben von Alexander Weinstein
Hat den Kesselflug in weniger als 10 Parsec geschafft
1 Kommentar

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