Triangle of Sadness

Kritik zu der vielleicht besten Satire unserer Zeit

Was macht einen nicht nur guten, sondern einen außerordentlichen Film aus? Das ist eine Frage, die sich wahrscheinlich nicht abschließend beantworten lässt. Vielleicht braucht es auch keine außergewöhnlich starken Filme mehr, die ein wenig experimentell sind und deutlich anecken. Viele große und marktführende Produktionsunternehmen geben sich damit zufrieden, kompetente und hochwertige Filme zu drehen, die, um unserer Gaming-Sparte mal die Wörter zu stehlen, einen Metacritic-Score von so 80 erreichen könnten. Damit schafft man es anscheinend viele Zuschauer*innen gleichzeitig anzusprechen und sorgt für großen Erfolg an der Kinokasse. Triangle of Sadness wird höchstwahrscheinlich nicht in die Sphären eines Top Gun: Maverick emporsteigen und nicht alle Kinogänger*innen wird der Film überzeugen können. Dennoch möchten wir euch einmal näherbringen, was diese Produktion von Ruben Östlund doch so besonders macht.

 

Die Story von Triangle of Sadness

Triangle of Sadness erzählt gleichzeitig eine Handvoll Geschichten. Als Erstes lernen wir unsere vermeintlichen Protagonisten kennen, Carl und Yaya. Beide sind Models mit unterschiedlichem Erfolg in ihrer Branche. Da heutzutage Modelkarrieren oft vom Social Media Radius abhängen, agieren sie beide ebenfalls als Influencer, wodurch sie eine Reise auf einem 250 Millionen Dollar Kreuzfahrtschiff ergattern. Auf diesem Schiff tummeln sich eine Vielzahl von verschiedenen Figuren. Wir hätten einen den Kapitalismus liebenden superreichen Russen namens Dimitry, einen superreichen Software und App Entwickler, die superreichen Waffenhersteller Winston und Clementine und andere unvorstellbar wohlhabende weiße Persönlichkeiten eines etwas gehobenen Alters.

Dazwischen manövriert sich die Crew des Schiffs, angeführt von Paula, die um jeden Preis das perfekte Erlebnis für ihre Gäste erzeugen möchte. Der Kapitän der Yacht, Thomas Smith, gespielt von Woody Harrelson, hat nicht das Gleiche im Sinne. Als Verfechter des Kommunismus und Sozialismus betrinkt er sich lieber in seiner Kapitänskajüte. Nach einem katastrophalen Dinner und einigen komplett voneinander unabhängigen Ereignissen, die wir aus Spoiler-Gründen mal weglassen, geht die Luxusyacht unter und die Passagiere erleiden Schiffsbruch auf einer Insel. Dort kehrt sich das soziale Gefüge um, denn die Superreichen haben nicht unbedingt die Kompetenzen, um auf so einer Insel zu überleben.

 

Unsere Kritik zu Triangle of Sadness

Wie geht man jetzt an so einen Film ran? Vielleicht könnten wir mit dem Genre anfangen. Triangle of Sadness ist eine satirische Tragikomödie. Die Tragik liegt aber nicht nur im Schiffsunglück, sondern in der Darstellung der Figuren. Oder auch ihrer völligen Überzeichnung. Das mag man anfangs vermuten, doch sind diese Karikaturen so explizit, dass sie fast schon wieder real wirken und man sich leider denkt, oh Gott so sind Menschen ja wirklich. Der Satire und Komödien Teil kommt ebenfalls über die Figuren und ihre Handlungen beziehungsweise Dialoge. Nach jeder Sequenz schwingt eine gar nicht mal so unterschwellige Sozialkritik mit, die jegliche Debatten unserer heutigen Zeit anspricht. Dröseln wir das doch mal auf und widmen wir uns ein paar der Hauptfiguren dieser Produktion.

 

Das perfekte Instagram Leben von zwei jungen und gutaussehenden Influencern

Triangle of Sadness betitelt seinen ersten Teil der Filmlänge als “Carl und Yaya” und zeigt das möglicherweise alltägliche Leben dieser zwei Models. Es wird nicht nur die Modebranche an sich in jeder Sekunde kritisiert, beispielsweise durch das Aufzeigen, wie falsch das Image bestimmter Marken und wie manipulativ jenes noch erzeugt wird. Ruben Östlund spielt mit Vorurteilen von Sexismus und Männern, die denken, sie wären eben modern und nicht mehr sexistisch, indem sie sagen, sie würden gerne “gleich” sein wie ihre Partnerin und einen Riesenstreit entfachen, wenn es darum geht, eine Rechnung zu bezahlen. Carl hat scheinbar ein starkes Problem, sich in seiner Welt zurechtzufinden. Sein Job liefert ihm nicht das nötige Selbstbewusstsein und dass Yaya auch noch erfolgreicher ist stört ihm zwar oberflächlich nicht, aber es ist offensichtlich, dass er unsicher ist und sich nur auf sein Äußeres verlässt.

Am Ende des ersten Teils der Geschichte versöhnen sich Carl und Yaya, da Yaya sich einsichtig zeigt und ihre Fehler zugibt. Carl tut dies nicht, verspricht Yaya, dass sie ihn irgendwann lieben wird. Sie sieht ihre Beziehung nämlich nur als Mittel für ihren Erfolg und denkt, ihre einzige Möglichkeit raus aus dem Model-Geschäft, sei es eine “Trophy-Wife” zu werden. Was natürlich sehr zynisch ist, aber es unterstreicht, dass Yaya zumindest versteht, wie vermurkst ihre Situation als Frau ist, die derzeit nur mit ihrem Aussehen Geld verdient und vermittelt das unverblümt den Zuschauer*innen.

 

Sozialistische Luxusyachten und kapitalistischer Dünger

Im zweiten Teil des Films lernen wir auf dem Luxuskreuzer die restlichen Figuren und Gäste kennen. Paula und ihre Crew bereiten alles vor und wollen dafür sorgen, dass es den Menschen an nichts mangelt. Und das natürlich, um am Ende ein großzügiges Trinkgeld zu bekommen. Das mag zwar komisch klingen und in der Szene selbst definitiv surreal wirken, wie sich alle nur für Trinkgeld motivieren lassen, aber als jemand, der selbst Gastro-Erfahrung hat, kann ich sagen, ich habe selten etwas Wahreres gesehen.

Wie anfangs erwähnt besteht die Liste an Gästen fast ausschließlich aus äußerst wohlhabenden weißen Menschen betagten Alters. Es wirkt fast so, als ob das Autorenteam, jedes Klischee oder Vorurteil, dass es gegenüber reichen weißen Menschen gibt, in eine der Figuren eingebaut haben. Das ältere Ehepaar Winston und Clementine scheinen wie die netten Großeltern von nebenan. Nur, dass sie Waffen herstellen und verkaufen. Sie schildern, wie schwierig es um das Unternehmen stand, als bestimmte Auflagen eingeführt wurden, um die Rechte von Menschen zu sichern und sie davor zu schützen, auf brutalste Weite umgebracht zu werden. Doch sie standen es durch. Sterben tun sie trotzdem nachdem, eine Handgranate von Piraten auf das Schiff geworfen wird, wobei Clementine sich fragt, ob das nicht sogar ihre ist.

 

Ein Fest voller Erbrochenen und Kaviar

In der Nacht zuvor gibt es aber noch das Kapitäns-Dinner. Wo das erste Mal der Kapitän Thomas Smith in Erscheinung tritt. Leider ist der Tag sehr schlecht gewählt, da die See äußerst stürmisch ist und für viel Chaos, Zerstörung und ein allgemeines Unwohl sein führt. Was Ruben Östlund ausnutzt, um immer wieder zwischen den extravaganten Gerichten und den reichen Menschen zu wechseln, während sie anfangen sich zu übergeben und ihren Darm zu entleeren. Vor allem Vera die erst ihren Mageninhalt über den Tisch abgibt, aber dann Wasser verschmäht und weiter Champagner trinkt, steht als Sinnbild für die Unersättlichkeit der Superreichen. Währenddessen schließen Dimitry und der Kapitän Freundschaft und betrinken sich gnadenlos, während sie über den Kommunismus und den Kapitalismus philosophieren. Mehr als komisch, da beide anfangs nur Zitate von irgendwelchen Menschen aus ihren Handys herausholen, aber auf seine Weise auch die Diskussionskultur von uns repräsentiert.

 

Was ist eigentlich Satire?

Ich könnte jetzt weitermachen und viele kleine Szenen aufzählen, wo und wie die Satire zu Tragen kommt. Aber es reicht vielleicht zu sagen, dass sie definitiv zündet. Na ja, zumindest bei mir. Wie das eigentlich immer ist, gehören Satire und Komödien zu sehr subjektiven Themen und können manchmal für viel Unterhaltung sorgen und zum Nachdenken anregen oder es schlägt Fehl und man versteht gar nicht, was das Alles soll. So könnte es einem zwischendurch bei Triangle of Sadness passieren. Denn der Film hat mit 150 Minuten eine so starke Überlänge, das so einiges Verloren geht. Vor allem der letzte Teil auf der Insel, zeigt zwar noch mal auf, wie es um die Nützlichkeit eines Models oder Unternehmers auf einer verlassenen Insel steht, ist aber handlungstechnisch am schwächsten. Hinzu Kommt, dass eine der Figuren mit dem meisten Potenzial sehr kurz kommt.

Der Kapitän Thomas Smith tritt nur während des desaströsen Dinners auf und ist danach auch schon wieder verschwunden. Dennoch sind alle anderen Schauspieler*innen so gut in ihren Rollen, das sie eigentlich das verschenkte Potenzial auffangen können. Jede Figur ist einem Unangenehm und man möchte eigentlich keine Sekunde länger Zeit mit ihnen verbringen oder geschweige denn an einem Tisch mit den Leuten sitzen. Die Darsteller*innen spielen das unglaublich aus und verleihen ihren Figuren eine fast schon böse Tiefe, wodurch die Karikaturen noch deutlicher werden. Außerdem, auch wenn der Film für meinen Geschmack zu lang ist, wirkt keine Sekunde wirklich verschwindet. Jede Szene oder Sequenz scheint aus einem guten Grund da zu sein, auch wenn die guten Gründe sich irgendwann wiederholen. Triangle of Sadness benutzt die Satire wie eine Brechstange und schlägt sie den Zuschauer*innen mitten ins Gesicht und ich muss sagen, vielleicht besitze ich eine masochistische Ader, denn dieser Schlag hat mir sehr gefallen.

 

Informationen zu Triangle of Sadness

  • Originaltitel: Triangle of Sadness
  • Laufzeit: ca. 150 Minuten
  • Heimkinostart: 13. Oktober 2022
  • Altersfreigabe (FSK): ab 16 Jahren freigegeben
  • Besetzung: Harris Dickinson, Charlbi Dean Kriek, Iris Berben, Zlatko Buric, Woody Harrelson, Ruben Östlund (Regisseur)

 

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  • Triangle of Sadness
    Fazit zu Triangle of Sadness

    Ich hatte Triangle of Sadness schon länger auf dem Schirm, nachdem ich gelesen hatte, wie gut der Film in Cannes ankam. Mich hat diese Mischung aus Satire und Tragikomödie definitiv überzeugt. Ich mochte alle Schauspieler*innen, vor allem Charlbi Dean Kriek, fand ich in der Rolle von Yaya sehr stark. Sie hat ihre Figur perfekt ausgespielt und zeigte eine tatsächliche Veränderung gegen Ende. Durch sie und Abigail bleibt das Ende auch offen und die Zuschauer*innen bleiben zurück und haben keine Ahnung wie und ob die Gruppe überleben wird.

    Alexander Weinstein, Redakteur
Karikaturen von Menschen die es wahrscheinlich leider doch genau so gibt
20 Minuten weniger hätten vielleicht auch gereicht
Bitte das nächste Mal mehr von Woody Harrelson
Man sollte einen starken Magen haben bei so schwierigen Seegang

Ab in die Filmsammlung?

Für jeden, der mal kein Franchise, Reboot, Remake oder ähnliches im Kino sehen will und keine Angst hat vor ernsten Themen, die durch Humor und Satire an den Kopf geworfen werden, ein Muss

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Alexander Weinstein
Geschrieben von Alexander Weinstein
Hat den Kesselflug in weniger als 10 Parsec geschafft

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