Pokémon-Legenden: Arceus

Test zum längst überfälligen Erwachen des Erfolgsfranchise

Pokémon-Legenden: Arceus im Überblick

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Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs

Releasedatum: 28. Januar 2022

Genre: Rollenspiel

USK: Ab 12 Jahren

Publisher: Nintendo

Plattformen: Nintendo Switch

Seit über 25 jahren scheucht Nintendo das Pokémon-Franchise kompromisslos über allerhand portable Endgeräte und beweist beispielhaft wie ermüdend so ein dekandenlanger Dauerlauf für eine IP doch sein kann. Erst im vergangenen Jahr restaurierte der japanische Konzern mit Strahlender Diamant und Leuchtende Perle die siebte Generation der Taschenmonster-Abenteuer und polarisierte damit auf Neue. Fragwürdige Anpassungen, fehlende Features und die höchst diskrepante Forderungen der Fangemeinde ließen uns einmal mehr Nintendos ziellosen Spaziergang durch ein Labyrinth aus Gewohnheit, Stagnation und Handlungsfähigkeit belächeln – was folgt ist die Erkenntis, dass der einzige Ausgang, der vor 25 Jahren noch bedenkenlos zum Erfolg führte, mittlerweile zugewuchert ist.

Umso erfreulicher, dass Entwickler Game Freak erneut Mut gefasst hat, sich der allumfassenden Orientierungslosigkeit zu stellen und nun mit Pokémon-Legenden: Arceus gänzlich neue Pfade betreten will. Eine offene Spielwelt gepaart mit einem scheinbar frischen spielerischen Ansatz inmitten einer bereits vergangenen Epoche deuten auf ein längst überfälliges Erwachen des Erfolg-Franchise hin. Bleibt nur die Frage offen, ob sich die Kühnheit der Japaner letztendlich belohnt macht oder man sich erneut in seinen weniger zielführenden Gewohnheiten verliert.

 

Wenn die Story das freiheitliche Konzept begünstigt

Legenden Arceus schickt auch zurück in die Hisui-Region – wie? das kommt euch nicht bekannt vor? Kein Wunder, denn alteingesessene Fans dürften die Weiten dieser auch eher unter dem Namen Sinnoh kennen. Was später zu den Arealen aus Perle und Diamant wird, heißt viele Dekaden zuvor nun Hisui. Wortwörtlich aus einer anderen Zeit entsprungen, landet euer Alter Ego eines Tages in der längst vergangenen Epoche der Pokémon-Saga – eine Ära, in der die bunten Taschenmonster noch weniger in den Alltag der Menschen integriert waren sondern viel mehr als fremdartige, angsteinflößende Kreaturen ihr Dasein fristen mussten. Im Rahmen der Galaktik-Expedition schließt ihr euch nun zwangsweise der Erforschung dieser skurrilen Wesen an, immer mit dem Ziel im Fokus die mysteriösen Umständen eurer unfreiwillige Zeitreise aufzudecken.

Game Freak legt in Legenden: Arceus einen deutlich stärkeren Fokus auf das zugrundeliegende Narrativ als wir es zuletzt von der Rollenspiel-Reihe gewohnt waren, eine Änderung, die vor allem dem neuen Open-World Ansatz in die Karten spielt. Was die Geschichte auf den ersten Blick an Innovation vermissen lässt, gleicht das japanische Studio gekonnt mittels einer einnehmenden Inszenierung wieder aus. Die Region wirkt durch die belebte Hintergrundgeschichte, der unverbrauchten Lokalität und den sympathischen Charakteren nicht nur glaubwürdig sondern viel wichtiger macht auch neugierig – eines der mitunter wichtigste Voraussetzungen für den Erfolg einer freiheitlichen Spielwelt, bleibt nach wie vor die eigene Motivation. Das Narrativ wirkt grundsätzlich durchdacht und das Konzept bereits anfänglich recht kohärent ohne jegliche Penetranz oder den Fokus auf eine plumpe Leitfrage zu legen.

Stattdessen tritt nun die semi-offene Spielwelt in den Fokus eures Abenteuers. Ähnlich wie im benachbarten Monster-Hunter-Universum werdet ihr hier aber nie in einem nahtlosen Milieu unterwegs sein, stattdessen startet man ebenfalls von einer festen Hub-World aus in die einzelnen freibegehbaren Areale. Ein Konzept, dass nicht nur durch den japanischen Action-Titel bereits etabliert ist, sondern gleichermaßen auf die altersschwache Hardware Rücksicht nimmt. Das Ganze wirkt dennoch weniger restriktiv als dass es viel mehr der Gefahr der Überforderung trotz.

Als übergeordnete Instanz kommt dabei Jubelstadt zum Einsatz. Ein organisch wachsendes Dorf, das den Charme der Epoche hervorragend verkörpert und gleichermaßen eure spielerischen Erfolge innerhalb des Storykonstruktes spürbar manifestiert – erneut ein begrüßendes Zusammenspiel, das vorrangig auf motivationalem Level zum Tragen kommt. Neben den kosmetischen Anpassungen könnt ihr in Jubelstadt ebenfalls auf Fotografen, Händler sowie eine Werkbank zurückgreifen. Ja, richtig: Legenden: Arceus kommt mit einem vollwertigen Crafting System daher, das euch allerhand Items in eigener Manufaktur herstellen lässt und das sogar vollkommen autark von eurem aktuellen Standort. Diese neue Unabhängigkeit begünstigt nicht nur das freiheitliche Spielgefüge sondern regt gleichermaßen auch zur Erkundung an. Hier wird erstmals deutlich: Game Freak verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der explizit ein liberales Spieldesign in den Fokus hievt.

 

Freiheit statt Kompromiss

Ein ebenso zielgerichtetes Vorgehen spiegelt sich im offensiveren Spielgeschehen wieder. Da, wo man früher auf Random Encounter gesetzt hat, richtet sich GameFreak nunmehr nach dem viel moderneren “What you See is what you get”-Prinzip. Pokémon werden so unmittelbar in der Spielwelt angezeigt, mehr noch: der japanische Entwickler geht sogar so weit, dass sämtliche Interaktionen mit den skurrilen Taschenmonster nahtlos in den offenen Arealen ablaufen. Entscheidet ihr euch für eine offene Konfrontation werdet ihr also nicht mehr in einen separaten Kampfbildschirm verbannt. In den rundenbasierten Auseinandersetzungen behaltet ihr somit die komplett Kontrolle über euer Alter Ego, was das Kampfgeschehen ab und an etwas unübersichtlich gestaltet, gleichermaßen aber eine Art der Immersion erschafft, die die Spielereihe nicht nur endlich in die Moderne hievt sondern mitunter auch das Grinding neu positioniert.

Nicht zuletzt kommt hier auch das neue Stealth-System zum Tragen, welches euch erlaubt die fidelen Taschenmonster auch ohne offensive Konfrontation einzufangen – vorausgesetzt ihr könnt ungesehen die ikonischen Kugeln auf das Objekt der Begierde werfen. Um den Balanceakt hier nicht in Gänze ad absurdum zu führen, wurde ebenfalls das Konzept hinter dem Pokédex grundlegend überarbeitet. Anstatt nach “Gotta Catch ‘Em All”- Manier alle Kreaturen mindestens einmal zu fangen, stellt euch das elektronische Sammelalbum pro Pokémon-Art vor zahlreiche, individuelle Aufgaben. Wer seinen Einträge also vervollständigen will, muss eine gewisse Anzahl an Pokémon fangen, bekämpfen, zuweilen sogar zu einer spezifischen Tageszeit entdecken oder auch mittels einer gewissen Attacke bezwingen. Auch wenn das Grinding in Legenden: Arceus dadurch seinen ursprünglichen Fokus von mühselig hin zu repetitiv verschiebt, bleibt ein ganzheitlicher Grundgedanke bestehen, der gerade der offenen Welt zuträglich ist und dem es gelingt nur selten zu Lasten der Motivation zu fallen.

Auch in den eigentlichen Kampfhandlungen hat das japanische Studio gezielt eine neue taktische Komponente eingebunden. Mittels der sogenannten Tempo- und Krafttechnicken lassen sich jede eurer Angriffe strategisch klug an die Gegebenheiten sowie euer Gegenüber anpassen. Greift ihr beispeieise auf die Tempotechnik zurück, büßt ihr zwar die Angriffsstärke euer Attacke ein, erhaltet aber die Chance schneller wieder zum Zuge zu kommen. Gegenteiliges trifft dann auf die Krafttechnik zu. Das Ganze bohrt das einst gelernte System erheblich auf und regt zum Umdenken an, was den Kämpfen eine ganze neue strategische Tiefe verleiht.

 

Von Unübersichtlichkeit und technischem Rückschritt

Um die Glaubwürdigkeit des neuen Settings zu wahren, opfert Game Freak zudem die Quantität der Trainerkämpfe. So trefft ihr hier nur noch sporadisch auf andere Pokémon-Teams. Grundsätzlich kein großes Versäumnis, besonders mit Blick auf die Bosskämpfe, die den notwendigen Abwechslungsreichtum ins Spiel integrieren und mit einhergehend ein klares Highlight von Legenden Arceus bilden. In  diesen eher fordernden Gefechten werden eure Taschenmonster interessanterweise lediglich zur Nebenrolle degradiert, während euer Alter Ego vollständig aus den rundenbasierten Mechanik austritt und sich den mächtigen Kreaturen in actionlastigen Echtzeitkämpfen stellt.

Während die Steuerung zumeist gut von der Hand geht, wirkt die Menüführung anfänglich stark überladen. Darunter leidet vor allem das neue manuelle Levelsystem eurer Gefährten, das sich inmitten dieses unübersichtlichen Wusts an neuen Elementen verliert. Ab sofort ist es euch nämlich möglich jederzeit auf den bisher gelernten Pool an Attacken zurückzugreifen und diese neu miteinander zu verknüpfen. Vorbei die Zeiten des Kopfzerbrechens darüber welche Angriffe man unwiderruflich löscht, vorbei die Zeiten in denen man seine Entscheidung dann doch bereut, vorbei die Zeiten vom ikonischen Ausruf “1, 2 und schwupp…”. Gleiches gilt ebenso für die Entwicklung euer Pokémon, diese müssen zukünftig ebenfalls manuell durchgeführt werden. Was euch einerseits taktische Freiheiten verspricht, schwächelt jedoch leider in seiner Umsetzung. Anstatt die Information über euren folgenschweren Levelaustieg plakativ in Szene zu setzen, erfolgt die Informationsweitergabe lediglich kurzzeitig in der oberen Bildschirmecke. Das wiederum führt dazu, dass ihr euch unnötig oft durch die unübersichtliche Menüstruktur quält, um eben “auch ja nichts zu verpassen”.

Das größte Verbesserungspotential von Legenden: Arceus zeigt sich wenig überraschend in der optischen und technischen Ausgestaltung. Dank matschiger Texturen und regelmäßige Pop-ins sowie störendes Kantenflimmern wirkt das Spiel dezent aus der Zeit gefallen (haha, ‘Zeit gefallen’ versteht ihr ?) Trotz altersschwacher Hardware muss man dem Titel allerdings seine recht stabile Framerate zu Gute halten, große Ausbrüche konnten wir hier nicht verzeichnen, auch wenn Pokémon im Hintergrund mit einer deutlich reduzierten Bildwiederholungsrate präsentiert werden (Ein Problem mit dem Monster Hunter Rise im letzten Jahr bereits zu kämpfen hatte) zeigt man sich im Fokusbereich des Spielers deutlich stabiler.

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  • Pokémon-Legenden: Arceus – Test zum längst überfälligen Erwachen des Erfolgsfranchise
    Fazit zu Pokémon-Legenden: Arceus

    Tja und da griff Game Freak beherzt zur Machete und schlug sich schnurstracks einen neuen Ausweg inmitten des Irrgarten aus Gewohnheit und Unmut, der das Potential hinter dem Pokémon Franchise in den vergangenen Jahren erheblich einzuschränken vermochte. Mittels einer semi-offenen Spielwelt, neuen Spielelementen, die die Spieler zum Umdenken forcieren und dem unverbrauchten Setting traut man sich endlich von den altbekannten Pfaden abzuweichen und viel elementarer noch: sich vollständig auf ein alleiniges Ziel zu fokussieren.

    Game Freak strebt dabei deutlich nach einem ganzheitlichen Ansatz anstatt wie bislang die verdaulicheren, ungefilterten Kompromisse einzugehen. Alle Spielelemente arbeiten dabei auf den stark freiheitlichen Grundgedanken hin – das fühlt sich kohärent an, das fühlt sich unverbucht an und viel wichtiger: es büßt zu keinem Zeitpunkt spielerische Tiefe ein. Geringfügige Makel muss sich aber durchaus auch Legenden Arceus eingestehen: Die mangelhafte optische Ausgestaltung, kleinere technische Einbußen, die auf der altersschwachen Hardware fußen, die unübersichtliche Menüführung als auch der repetitiven Grinding-Loop reißen den Spieler aber dennoch nie ernsthaft aus der immersiven Erfahrung heraus, sondern können zweifelsohne unter dem Deckmantel der Ganzheitlichkeit gerechtfertigt werden. Was bleibt ist ein längst überfälliges Umdenken, dass das Franchise nicht nur in die Moderne hievt sondern viel mehr endlich den Zweifel an dessen Bedeutsamkeit beantworten kann.

    Jennifer Engelhardt, Redakteurin

Positiv:

Nahtloses Kampfgeschehen - ohne separaten Kampfbildschirm
Actionlastige Bosskämpfe entzerren den redundanten Gameplay-Loop
Immersives Abenteuer mit ganzheitlichem Grundgedanken rückt Open-World in den Fokus
Motivierende Aufbau der semi-offenen Spielwelt
Sinnvolles Crafting-System unterstützt Erkundungsdrang
Organisch wachsende Hub-World unterstützt Glaubwürdigkeit der Spielwelt
Narrativ überzeugt mittels gelungene Inszenierung
Unverbrauchtes Setting macht Neugierig und motiviert
Zahlreiche Nebenaufgaben und interessanter Endgamecontent sorgen für Langlebigkeit
Größtenteils stabile Framerate
Techniken bringen frische, taktische Tiefe in die Kämpfe

Negativ:

Optische und technische Einbußen
Unübersichtliche Menüführung
Pokédex-Grind kann mit der Zeit repetitiv werden
Übersicht kann durch freieren Kampfbildschirm verloren gehen

Ab in die Sammlung?

Das längst überfällige Erwachen eines in seiner eigenen Erfolgsgeschichte verlorenen gegangenen Franchise wird zum Must-Have für alle Pokémon-Fans.

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Geschrieben von Jennifer Engelhardt
Mein Pokédex ist cooler als dein iPhone.
1 Kommentar

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