Elex – Test zu Piranha Bytes neuem “Auf’s Maul”-Rollenspiel

Elex – Test zu Piranha Bytes neuem “Auf’s Maul”-Rollenspiel

Im Jahre 2001 erhielt der Essener (ehemals Bochumer) Entwickler Piranha Bytes mit Gothic einen Kultstatus unter Rollenspielfans. Die raue und tödliche Spielwelt war gefüllt mit harten Typen, die markante Sprüche klopften und vor allem Charakter hatten. Auch mit ihrem neuesten Projekt Elex schickt uns Piranha Bytes in solch eine Welt, allerdings mit einem etwas anderen Setting: Statt uns in eine mittelalterliche Welt zu packen, verfrachtet uns Elex in ein postapokalyptisches Sci-Fi-Szenario mit Fantasyelementen. Ob dieser Mix gelungen ist, haben wir für euch auf Herz und Nieren überprüft.

 

Der nicht mehr ganz so namenlose Held

Erste Neuerung in Elex: Unser Held hat jetzt einen Namen. Er heißt Jax und ist ein verstoßener Alb, eine fortgeschrittene Rasse, die mittels des mysteriösen Elements Elex zwar stärker, jedoch auch emotionsloser geworden ist. Das Elex kam vor langer Zeit mit einem Meteoriten auf den Planeten Magellan und veränderte diesen von Grund auf. Die Zerstörung durch den Meteoriten machte den Menschen deutlich zu schaffen und unterschiedliche Gemeinschaften entwickelten unterschiedliche Ansichten, wie man mit dem Elex umzugehen hat. Erstmals spielen wir also keinen Charakter, dessen Vergangenheit ein Mysterium ist, sondern, um den sich in der Welt bereits Geschichten herumgesprochen haben. Als „Bestie von Xarcor“ wird unser Held betitelt, doch dieser Status ist nach unserer (vermeintlichen) Exekution nur noch Schall und Rauch. Wir müssen uns nun, da wir von den Albs verstoßen wurden, an die neue Welt anpassen und, was am allerwichtigsten ist, unsere Rachepläne verfolgen.

Hochmoderne Bauten neben mittelalterlichen Holzhütten, das ist die Welt von Elex

 

Harte Typen und Labertaschen

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist wahrlich nichts Außergewöhnliches im Science-Fiction Genre, doch die ruppige Spielwelt und die kernigen Typen, die wir in ihr antreffen, machen das Gesamtbild einfach nur stimmig. Es geht auch nicht um das große Ganze, sondern eher um die kleinen Geschichten, die sich in den Nebenquests verstecken. Die Welt ist gefüllt mit Tagebüchern, Notizen und Audiologs, welche uns immer mehr Hintergrundwissen über die Welt und ihre Bevölkerung gibt. Und am allerwichtigsten: Die Spielwelt ist lebendig, Charaktere und Monster haben ihre Tagesabläufe und reagieren auf eure Aktionen entsprechend. Das Spiel informiert euch, wenn einem Charakter eine eurer Entscheidungen nicht gefällt und so kann es passieren, dass genau diese Entscheidung nach einigen weiteren Spielstunden plötzlich Konsequenzen für euch hat. Einziger Wermutstropfen sind an manchen Stellen die Dialoge. Von Piranha Bytes sind wir harte Sprüche gewohnt, die uns um die Ohren geschlagen werden. Ein „Halt die Fresse“ oder „Verpiss dich“ war hier an der Tagesordnung, doch in Elex verlaufen viele Gespräche eher geschwollen und so mancher NPC erklärt uns etwas in einem ellenlangen Roman aus Wörtern, wo es ein knapper Satz auch getan hätte. Sicher, es gibt immer noch die Typen, deren Art sehr an die der Gothic-Charaktere erinnert, es sind aber viel mehr nervtötende Geschichtenerzähler dazugekommen. Wie sagte es der namenlose Held einst in Gothic bereits: “Erspart mir den Rest von seinem Gefasel!”

Harte Typen und harte Monster bevölkern den Planeten Magellan

 

Die Qual der Wahl

In Elex habt ihr viele verschiedene Möglichkeiten, eine Situation oder Quest zu meistern. Antwortet ihr eurem Gegenüber eher aggressiv und provoziert einen Kampf oder versucht ihr euch mit euren sozialen Kompetenzen herauszureden. Wenn euer Wissen zu einem jeweiligen Thema hoch genug ist, könnt ihr auch auf diesem Wege Eindruck schinden. Bei den Quests, von denen es unzählige gibt, habt ihr auch freie Hand, wie ihr ans Ziel gelangt. Sammelt ihr für hungrige Arbeiter 50 Pilze im Wald oder gebt ihr ihnen vergammeltes Brot, welches ihr hinter einer Hütte findet. Bringt ihr die gefundenen Waren zu eurem Auftraggeber oder doch lieber zu einem Hehler, der euch dafür reichlich entlohnt? An jeder Ecke wartet eine neue Entscheidung auf euch. Die Wichtigste im Spiel ist jedoch natürlich die Frage, welcher der drei Gilden in Magellan ihr euch anschließen wollt. Da wären zum einen die Berserker, die das Elex und alle technischen Fortschritte verteufeln und sich lieber mit Magie durch die Welt schlagen. Sie entziehen dem Elex alle Schadstoffe und machen Mana aus ihm, welches sie für ihre Fähigkeiten und die Verzauberung von Waffen verwenden. Die Kleriker hingegen leben den technischen Fortschritt. Sie führen ihre Gefechte nicht nur mit Plasmawaffen, sondern auch mit psychischen Fähigkeiten, die ihnen sogar Gedankenbeeinflussung ermöglicht. Als Letztes gibt es noch die Outlaws, die sich in der Wüste verschanzt haben und auf alle Regeln scheißen. Sie basteln sich ihre eigenen Waffen wie Kettensägenschwerter und Granatenwerfer selbst und verwenden Stimpacks, um ihre Fähigkeiten zu erhöhen. Egal welcher der drei Gilden ihr euch anschließt, ihr erhaltet Zugang zu einem netten Arsenal an Skills.

Die Berserker wollen die Natur mithilfe von Weltenherzen heilen

 

Die tödlichste Spielwelt von allen

Auf dem Planeten Magellan herrscht das Recht des Stärkeren. Und ihr werdet vielen Stärkeren begegnen, vor allem die Fauna will euch ans Leder und schafft dies in den meisten Fällen auch. Ein Großteil der Monster, denen ihr begegnet, macht euch mit maximal zwei Treffern platt und es wimmelt nur so vor übermächtigen Viechern. Der Entdeckerdrang wird hierdurch ein wenig gemindert, da es schon zu viele unschlagbare Biester gibt. Selbst das Erledigen einfachster Quest wie Kräuter sammeln und verlorene Waffen finden wird hier zur Herkulesaufgabe, da wichtige Gegenstände oft von tödlichen Monstern bewacht werden. Zu loben ist allerdings die Vielfalt der Monster, denen ihr begegnet. Von mutierten Ratten und Wolfshunden über Zombiewesen bis hin zu tödlichen Bestien mit Totenkopfschädel, an unterschiedlichen Gegnerdesigns mangelt es nicht. Was das Besiegen der Biester allerdings so schwierig macht, ist nicht nur die Kraft der Biester, sondern auch das recht misslungene Kampfsystem. Hier wurde mal was Neues ausprobiert, doch es ist gründlich in die Hose gegangen. Um wirklich etwas Schaden durchzubringen, müsst ihr mehrere Schläge hintereinander treffen. Jeder Schlag kostet euch jedoch etwas Ausdauer und so ist bereits nach einigen Treffern Feierabend. Ihr könnt zwar noch Spezialangriffe ausführen oder mit Rollen und Sprüngen ausweichen, diese verbrauchen aber auch Ausdauer. Und obwohl man sich nach einiger Zeit an die Hakeligkeit und Sperrigkeit dieses Systems gewöhnt hat, so bleibt immer das Gefühl, dass ein flüssiger und komboreicher Kampf nahezu unmöglich erscheint. Da greift man lieber zu einer Fernkampfwaffe, schließlich gibt es ja zum ersten Mal moderne und futuristische Schusswaffen und die haben es wirklich in sich. Leider kommen beschossene Gegner und deren Gruppe schnell auf euch zu, sodass ihr schlussendlich wieder zum Nahkampf gezwungen seid.

Das Jetpack lässt euch auch die höchsten Höhen erkunden

 

Das Piranha Bytes Bugproblem

Technisch hat Elex einige Schwächen vorzuweisen, wie man es leider von Piranha Bytes mittlerweile gewöhnt ist. Auffallend sind vor allem Bugs, manche mehr lustig als hinderlich, andere komplett gamebreaking. Wenn ein wichtiger Charakter nicht mehr mit euch redet und sich so eine wichtige Quest nicht abschließen lässt, kann das frustrieren. NPCs, die in Oberflächen stecken bleiben, sich in eure Gespräche einmischen oder Monster, die sich nicht mehr bewegen und sich so freiwillig verprügeln lassen, gehören zu den Fehlerchen, die man bereits aus anderen Piranha Bytes-Spielen kennt und über die man hinwegsehen kann. Trotzdem sollten die Essener ihre Spieletester Mal ein paar Überstunden machen lassen. Das Gleiche gilt für die Grafikabteilung, denn die Optik von Elex ist deutlich veraltet. Zwar fällt das erst bei genauerer Betrachtung auf und fällt dabei nicht so ins Gewicht, da die Spielwelt dennoch top designed wurde, es kommt aber bei Weitem nicht an so Rollenspielhits wie The Witcher 3 heran. Da muss man sich nur Mal die Gesichtsanimationen anschauen, die Menschen in Magellan scheinen nur einen einzigen Gesichtsausdruck zu kennen. Der Rest der Präsentation ist allerdings sehr stimmig, nicht zuletzt auch durch einen mal wieder sehr gelungenen Soundtrack.

Ja, dass ihr einen Techniker braucht sehe ich

 

Das typische Rollenspiel

Abseits von dem experimentellen Setting ist Elex ein Rollenspiel, wie es im Buche steht. Ihr erledigt Quests und, wenn möglich, ein paar Monster, steigt ein Level auf und könnt dann mit erhaltenen Attributspunkten eure Werte verbessern. Schließlich könnt ihr bei Lehrern neue Fähigkeiten erlernen, wenn ihr genug Lernpunkte habt, die ihr ebenfalls durch ein Level-Up erhaltet. Hier gibt es diverse Unterkategorien wie Kampffähigkeiten, soziale Skills und Überlebenstechniken. Stärkere Waffen und Rüstungen könnt ihr nur anlegen, wenn ihr eure Werte genug erhöht habt. Ihr könnt eure Ausrüstung verbessern, magische Steine in Sockel legen und Munition selbst herstellen. Welche Fähigkeiten ihr für welche Situation braucht, müsst ihr selbst für euch herausfinden. Wo wir bei Fähigkeiten sind, wir haben noch gar nicht über das Jetpack gesprochen. Dies gehört zu eurer Standardausstattung und lässt euch die Welt noch besser erkunden als jemals in einem Rollenspiel zuvor. Jeder Punkt, den ihr sehen könnt, ist auch zu erreichen und sei er noch so hoch. In der handgemachten Welt lohnt sich das Erkunden auch, denn es gibt an jeder Ecke was zu finden. Das Jetpack ist hierbei übrigens nur eine Hilfe, kann aber nicht dauerhaft benutzt werden. Es hat eine Leiste, die sich immer erst wieder auffüllen muss, wenn ihr gelandet seid. Das Erkunden einer Rollenspielwelt hat noch nie so viel Spaß gemacht.

 

Positiv:

Harte, gnadenlose Spielwelt
Typischer Piranha Bytes Flair
Viel Entscheidungsfreiheit
Unterschiedliche Skills und Fähigkeiten in den Gilden
Stimmungsvoller Soundtrack
Abwechslungsreiche Quests und Aufgaben
Das Erkunden der Spielwelt macht mit Jetpack echt Spaß

Negativ:

Mangelhaftes Kampfsystem
Kleinere und größere Bugs
Extrem starke Monster können euch frustrieren
Grafik ist von gestern
Viele NPCs labern zu viel um den heißen Brei herum
  • Elex – Test zu Piranha Bytes neuem “Auf’s Maul”-Rollenspiel

    “Elex dürfte bei Weitem nicht jedermanns Sache sein. Es ist im Kern ein klassisches Rollenspiel mit einer sehr überzeugenden Spielwelt, aber auch mit vielen Mängeln. Wenn man das Spiel genießen will, dann muss man diese Mängel ausblenden, wie das nicht wirklich gelungene Kampfsystem, die vorhandenen Bugs und technischen Schwächen. Wenn man darüber hinwegsehen kann, dann erwartet einen ein gefährliches, raues Abenteuer in einer außergewöhnlichen Spielwelt mit viel Handlungsfreiheit.”

    Maarten Cherek, Redakteur

Ab in die Rollenspielsammlung?

Piranha Bytes Fans: Kauft euch Elex, es ist ein größeres und verbessertes Gothic. Alle anderen Rollenspielfans sollten sich überlegen, ob sie dazu in der Lage sind, über die Schwächen des Spiels hinwegzuschauen. Wenn ja, dann erwartet euch ein spaßiger und herausfordernder Titel.

Maarten Cherek
isst nichts so heiß, wie es gekocht wird!
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