Unravel – Test zum Abenteuer vom roten Wollboy Yarny

Als Electronic Arts auf der E3 Konferenz 2015 den noch unbekannten Martin Sahlin auf die Bühne schickte, war dieser nicht nur unglaublich aufgeregt, sondern hatte den Hauptcharakter Yarny mit im Gepäck. Einige ungewohnte Blicke gingen durch den Saal, schließlich gab es seitens EA noch keinerlei Indietitel. Eine Mischung aus “Little Big Planet” und “Limbo” bieten zusammen mit einem roten Wollknäuel eine Geschichte, die einen zu Tränen rühren kann. Wie gut Unravel am Ende wirklich geworden ist, verrät unsere Review.

 

Ein Wollknäuel zum Verlieben

Unser Abenteuer startet in einem Haus irgendwo in Schweden. Eine alte Frau sitzt alleine, etwas traurig an ihrem Esstisch und schwelgt in Erinnerungen an ihre früheren Erlebnisse. Einzig das Stricken von Socken, Mützen und Schale machen ihr noch eine Menge Freude. Aus diesem Grund erwacht Yarny aus dem Korb voller Wolle. Der kleine Freund möchte der alten Dame ihre schönen Erinnerungen wieder hervorholen und begibt sich so auf eine Reise in die verschiedensten Ortschaften. Insgesamt elf verschiedene und abwechslungsreich thematisch designte Abschnitte sind in Unravel vorhanden. In jedem werden Erinnerungen eingesammelt und am Ende mit einer roten Wollfigur in ein Album geklebt. Dieses liegt dann auf dem bereits erwähnten Esstisch. Zusätzlich gibt es noch ein paar Bilder und einige nette Sprüche rund um die Erlebnisse der alten Frau. Die Grundstory wirkt im Gesamtpaket eher als Zusammenhalt für die einzelnen Abschnitte im Spiel. Richtige Innovationen bleiben leider für ein Indietitel aus. Außerdem wird im Spiel nicht ein Wort gesagt, was die Bindung zwischen Spieler und Charakter nicht immer optimal zusammenbringt. Trotzdem muss man Coldwood Interactive hoch anrechnen, dass sie in der Hinsicht besonders am Ende des rund acht Stunden langen Abenteuers sehr emotional werden. Hier könnte bei so manchem Spieler auch mal eine Träne rollen.

Unsere Geschichte beginnt auf der Terrasse von unserem Haus.

Unsere Geschichte beginnt auf der Terrasse von unserem Haus.

 

Limbo in einem Farbabenteuer

Unravel wurde im Vorfeld oft mit “Little Big Planet” und “Limbo” verglichen. Die Spielmechanik ist nämlich im Grunde so wie in den beiden erwähnten Titeln. Wir hüpfen durch 2D-Anschnitte, um zum Ende des Levels zu gelangen. Dabei stellen sich immer wieder verschiedene Physikrätsel in den Weg. Um diese zu meistern, müssen wir mit Yarnys roter Wolle immer wieder interagieren. So nutzen wir den Faden als Lasso, um uns an Ästen festzuhalten und dann auf die andere Seite zu schwingen. Aber auch um an Vorsprüngen hochzukommen oder Objekte zu bewegen. Dazu kann die Wolle auch als Brücke dienen, die zudem ein Trampolin darstellt, um beispielsweise höhere Positionen zu erreichen. Die Entwickler haben sich allerdings ein Handicap ausgedacht. Die Wolle reicht natürlich nicht unendlich weit, sodass wir immer wieder an Wollstationen vorbei müssen, damit Yarny weitergehen kann. Die Steuerung ist dabei nicht immer optimal gelungen. Oftmals verpassten wir beispielsweise eine entscheidende Kante eines Vorsprunges oder sprangen in das tödliche Wasser. Den Griff hat man zwar nach knapp zwei Stunden Spielzeit etwas raus, trotzdem ist es nicht immer einfach, die verschiedenen Interaktionen mit dem Faden alle zu beherrschen. Dies mag vielleicht auch Anwendersache sein, dennoch hätte die Steuerung im Gesamten sicherlich noch etwas optimiert werden können. Denn durch die komplexe Steuerung kommt es leider zum frustrierenden Trial & Error-Effekt. Yarny ist lediglich eine Figur aus Wolle, sodass er nichts einstecken kann. Rollen Steine oder Fässer über ihn ist er tot. Sind die gefährlichen Krabbenscheren im Weg, tot. Fällt er ins Wasser, tot. Immerhin sind die Checkpunkte oftmals gut gewählt, nur an den seltensten Stellen mussten wir längere Passagen noch mal neu spielen.

Verschiedene Hindernisse müssen überwältigt werden.

Verschiedene Hindernisse müssen überwältigt werden.

 

Rätsel wiederholen sich

Die im Spiel immer wiederkehrenden Rätsel sind in die Umgebungen eingebaut und bieten deshalb auch Interaktionen mit den Tieren oder Objekten. Schwer werden die verschiedenen Rätsel zwar nicht, trotzdem mussten wir das eine oder andere Mal doch mehrere Minuten darüber nachdenken, wie es nun schlussendlich weitergeht. Nach den ersten drei Level wiederholen sich allerdings die Muster und sind deshalb leichter durchschaubar. Irgendwo einen Weg nach oben suchen, da Yarny nicht so hoch springen kann oder einen Hebel mithilfe unseres Fadens herunterziehen, um letztendlich an dem Hindernis vorbeizukommen. Richtig langweilig wird es aber nicht, da die Entwickler auch Gegenstände in die Level eingebaut haben, die alles etwas auflockern. So bietet ein Boot oder ein Dreirad den Weg zum Ziel. Unravel bietet immer wieder Momente, die wirklich anschaulich sind. Zudem gibt es in jedem Level fünf Sammelgegenstände, die weitere Informationen aus den Welten mitbringen. Mehr gibt es allerdings nicht. Weder kleinere Videos aus der Entstehung des Titels oder andere Farben für unseren Charakter sind zum Sammeln vorhanden. Dadurch ist der Wiederspielwert leider auch extrem gesunken.

Mit unserem Faden können Brücken zum Überqueren "gebaut" werden.

Mit unserem Faden können Brücken zum Überqueren “gebaut” werden.

 

Leveldesign erste Wolle

Besonders positiv sind die unterschiedlichen Level. Bereits im ersten Level macht uns das kleine Entwicklerteam klar, dass man mit viel Liebe zum Detail gearbeitet hat. So springen wir durch einen Garten voller Gräser und Blumen; gehen ans Meer mit Sand; lümmeln uns durch ein Moorgebiet mit Bäumen, an denen Moos dran wächst; oder wagen uns als Bergsteiger in einem arktischen Gebiet. Aber natürlich auch das Thema Umweltverschmutzung und der Tod sind mit dabei, was Yarny uns als Spieler besonders zum Ende hin bewusst macht. Besonders toll gelungen sind dabei seine Emotionen, die in jedem Gebiet natürlich anders aussieht. Im Garten beispielsweise schaut Yarny auf einen Schmetterling, im Regen aber steht er nass und zitternd in der Gegend herum. Dabei wirkt er wie ein Mensch, in den verschiedensten Situationen, stets emotional und berührend. Genauso, wie es ein echter Mensch halt auch machen würde. Die dichte Atmosphäre kommt dem Spiel wirklich zugute. Unravel ist nämlich ein Fest für die Augen, was besonders an der Optik des Spieles liegt. Die extrem schönen Lichtstrahlen sind einfach toll anzusehen und werden durch Bäume und Blätter lebhaft echt in die Welt integriert. Staubpartikel fliegen durch die Luft, das Wasser bietet schöne Wellen, und wenn Yarny sich mal aus dem Wasser rettet, ist seine Wolle nass. Im Schnee oder Sand sieht man seine Fußabdrücke und die Tiere sind allesamt toll animiert. Dazu kommt ein toller Sound, der nicht nur durch die Effekte der einzelnen Welten und Tiere punktet, sondern auch durch die gut gewählte Hintergrundmusik. Die klassischen Instrumente wie etwa eine Violine oder Klarinette bringen die Emotionen ein Stück weiter in Richtung Tränendrüse. Es passt einfach immer, egal welches Level, welche Situation – einfach immer!

https://www.youtube.com/watch?v=QBMZ0AEyaYs

 

Fazit:

Unravel ist ein wirklich tolles Spiel und alles in allem ist das Abenteuer von Yarny wirklich gelungen. Die abwechslungsreichen Level, die tolle Inszenierung und die teils guten Rätsel unterhalten für gute acht bis zehn Stunden. Einen Wiederspielwert hat Unravel zwar nicht und auch die Trial & Error-Passagen nerven, dennoch kann man sich den Titel gerne mal für 20€ herunterladen und ausprobieren. Die Angst, dass der Titel für einen Vollpreis im Handel stehen würde, ist somit genommen worden. Denn hätte EA sich dafür entschieden, wären die internationalen Wertungen (auch unsere) möglicherweise niedriger ausgefallen. Ein toller Einstand für das Team von Coldwood Interactive.

80

 

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Geschrieben von Tobias Liesenhoff
Chefredakteur für Games, Movies, Hardware seit Juni 2013.

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