The Outer Worlds – Test zu Obsidians Fallout-Konkurrenten

The Outer Worlds im Überblick

Online Multiplayer

Couch-Koop / Splitscreen

Mikrotransaktionen

Lootboxen

Onlinezwang

Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs

Releasedatum: 25. Oktober 2019

Genre: Rollenspiel

USK: ab 16 Jahren freigegeben

Publisher: Private Division

Plattformen: PlayStation 4, Nintendo Switch, Xbox One, PC

Fallout: New Vegas war für viele Fallout-Anhänger unbestreitbar ein Meilenstein der etablierten Rollenspiel-Reihe. Nachdem Bethesda mit den letzten beiden Ablegern vermehrt aneckte und mit Fallout 76 sogar den gebündelten Zorn der Community auf sich zog, wurde der Ruf nach einem neuen, waschechten Fallout-Abenteuer zunehmend lauter. Wo Rechteinhaber Bethesda keine Abhilfe schaffen will, sieht sich nun New-Vegas-Entwickler Obsidian Entertainment in der Verantwortung. The Outer Worlds heißt das ambitionierte Projekt der kalifornischen Spieleschmiede, das in die Fußstapfen des hochgelobten Fallout-Abenteuers schlüpfen soll. Ob der selbst ernannte Double-A-Titel diesem Vergleich standhalten kann oder nur einen weiteren vergeblichen Versuch darstellt, an den Erfolg längst vergangener Zeiten anzuknüpfen, verraten wir euch in unserem Test.

 

Verloren im Weltall

Die Spieleschmiede Obsidian Entertainment gab eingangs bereits eine klare Marschrichtung vor: The Outer Worlds wurde maßgeblich von Fallout inspiriert und wird intern sogar schon als geistiger Nachfolger des Rollenspiel-Epos gehandelt. Diese Ähnlichkeit schlägt sich allem voran in seinen spielerischen Gesichtspunkten nieder. Anders als sein Vorbild verfolgt The Outer Worlds zunächst einmal jedoch eine völlig andere Prämisse und setzt auf ein komplett neues Setting. Das Ödland und die altbekannte Postapokalypse hinter sich gelassen, bereisen wir das Halcyon-System, eine Verbandelung von Planeten mitten im unerforschten Weltraum. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich hier bereits eine Handvoll menschlicher Kolonien angesiedelt, die von machthungrigen Megakonzernen kontrolliert und für ihre Zwecke missbraucht werden. Als einziger Überlebender eines ausrangierten Kolonisten-Schiffes haben wir es uns an der Seite von Wissenschaftler Phineas Wells zur Aufgabe gemacht, diese Kolonien aus den Fängen des sogenannten Vorstandes zu befreien. Bevor wir uns jedoch auf die große Reise durch das Weltall begeben, setzt euch das Spiel ganz unspektakulär seinen vollumfänglichen Charakter-Editor vor. Wir erhalten unvermittelt die Möglichkeit das Aussehen unseres Alter Egos allumfassend anzupassen – ob die Position eurer Nase, den Winkel eurer Augenbrauen oder die Stellung eures Mundes, euren Vorlieben sind augenscheinlich kaum Grenzen gesetzt. Die Detailliebe von Entwickler Obsidian in allen Ehren, wirklich auszahlen wird sich die darin investierte Spielzeit aber wohl nicht. Aus Kostengründen hat der Entwickler nämlich auf einen Third-Person-Modus verzichtet, was zur Folge hat, dass ihr euren eigens erstellten Charakter im wahrsten Sinne des Wortes so gut wie nie zu Gesicht bekommt. Anders als die Aufmachung vielleicht zunächst vermuten lässt, handelt es sich bei The Outer Worlds nicht um ein hochbudgetiertes AAA-Spiel, sondern um ein sogenanntes Double-A-Game. Obgleich die zur Verfügung stehenden Ressourcen bei Weitem nicht an die eines Bethesda-Blockbusters heranreichen, Obsidians Ambitionen tun dies allemal. Das im Hinterkopf behalten, schafft The Outer Worlds tatsächlich Großes.

Das Halcyon-System hat neben Siedlungen auch Großstädte zu bieten.

 

Die Qual der Wahl

Obwohl The Outer Worlds merklich von Einschränkungen gekennzeichnet ist, gelingt es Obsidian doch, sich auf die für das Spiel bedeutendsten Faktoren zu fokussieren. Dies beginnt bereits beim motivierenden sowie komplexen Rollenspielsystem: Schon bei der eingangs erwähnten Charaktererstellung habt ihr die Möglichkeit, die Grundbausteine für eure Fähigkeiten zu legen. Seid ihr redegewandt, ausdauernd im Kampf oder doch eher technikaffin? Je nachdem, für welche Ausrichtung ihr euch entscheidet (oder eben nicht entscheidet), werden eure Kernkompetenzen vordefiniert. Bei jedem zukünftigen Levelup könnt ihr dann jeden der 18 Fertigkeiten einzeln aufzuwerten, bis zu einem Maximum von 100. Dazu gehört beispielsweise das Schlösserknacken, genauso wie die Option Computer zu hacken, ärztliche Versorgung zu leisten oder in Gesprächen besonders überzeugend aufzutreten. Alle 20 Skillpunkte bringt jedes Talent zudem einen weiteren Bonus mit sich, der die Anwendung jener Fertigkeiten nochmals erleichtert. Abseits davon erwartet euch nach jedem zweiten Levelaufstieg ein Vorteilspunkt, den ihr in einen von zahlreichen Perks investieren könnt. Diese gewähren euch einen zusätzlichen passiven Bonus wie verbesserte Rüstwert oder eine erhöhte Tragekapazität. Wem das noch immer nicht genug ist, der kann über das Aneignen individueller Schwächen weitere Boni erlangen. Das Spiel bietet euch dabei je nach persönlicher Spielweise einen Malus an, für den ihr wiederum einen weiteren Vorteil erwählen könnt. Schon zu Spielbeginn erhaltet ihr so zahllose Möglichkeiten, euren Charakter an euren individuellen Spielstil anzupassen. Obwohl die Optionen gar vielfältig sind, wird man als Spieler zu keinem Zeitpunkt groß überfordert oder gar demotiviert. Ein ebenso beeindruckendes Engagement legt Obsidian im Bereich Dialoge an den Tag. Während ihr fast ausnahmslos alle Auseinandersetzungen mit Gewalt lösen könnt, gibt es doch gleichsam auch immer mindestens einen pazifistischen Lösungsweg. Generell lässt euch The Outer Worlds überraschend viele Freiheiten, was das Absolvieren von Quests anbelangt. Ein Beispiel: Um in das gut bewachte Haus eines Stadtoberhauptes zu gelangen, können wir uns selbstverständlich einen Weg durch die Reihen der Soldaten schießen, haben dann aber mit enormer Gegenwehr zu rechnen und müssen am Ende in Kauf nehmen von dieser Stadt als Persona non grata gebrandmarkt zu werden. Ein anderer Weg wiederum wäre, den für diesen Tag angekündigten Paketlieferanten abzufangen und uns so getarnt in das Haus Einlass zu verschaffen. In unserem Spieldurchlauf haben wir uns allerdings für Variante 3 entschieden und eine der Hauptwachen in der nahe gelegenen Bar einen Drink nach dem anderen spendiert, bis dieser schließlich betrunken zu Boden sackte. Anschließend sind wir uns seiner Schlüsselkarte habhaft geworden und mit etwas Geschick durch die Hintertür geschlichen. Zumeist haben eure Entscheidungen und Herangehensweisen in The Outer Worlds nachhaltige Auswirkungen auf die Spielwelt und den Verlauf der Geschichte. Einmal geht es darum sich das Wohlwollen einer Gemeinde zu sichern, ein anderes Mal müsst ihr gleich über das Fortbestehen einer ganzen Fraktion richten. Gerade hier macht sich das außerordentlich durchdachte Dialogsystem bezahlt, das eure Gesprächspartner und deren Handlungsabsichten glaubwürdig in Szene setzt. Die Dialoge sind wahnsinnig gut geschrieben, haben Charme und bringen euch dank des wohldosierten Humors immer wieder zum Schmunzeln. Generell nimmt sich The Outer Worlds stellenweise nicht allzu ernst. Die vielen Gags und Referenzen, die eure Gegenüber vom Stapel lassen, sind dabei immer treffend, unterhaltsam und herzlich erfrischend, aber zu keinem Zeitpunkt allzu albern oder überzogen. Insgesamt bietet euch The Outer Worlds trotz des überschaubaren Budgets einen beachtlichen Umfang von 15 bis maximal 30 Spielstunden. Die abwechslungsreichen Hauptquests werden dabei von zahlreichen Nebenquests, Fraktions- oder Begleiteraufträgen ergänzt, deren Qualität jedoch stark variieren kann. Während die Aufgaben eurer Begleiter noch zu den spannendsten Aktivitäten gehören, handelt es sich bei so manch anderer Quest schlicht um schnöde Besorgungsarbeiten. Wieder andere Missionen beeinflussen hingegen den Verlauf von aktiven Quests und ergänzen diese so in einem beeindruckenden Maße. Obsidian hat sich beim Questdesign sichtlich Mühe gegeben, wenngleich auch nicht alle Aktivitäten auf einem gleich hohen Niveau sind.

Als Neuankömmling werdet ihr im Laufe eures Abenteuers so manch interessanter Kreatur begegnen.

 

Taktik nur auf den ersten Blick

Als Captain des Raumschiffes Unrelieable habt ihr den Großteil der Spielzeit eine sechsköpfige Crew unter euch, von denen euch immer zwei auf euren Abenteuern begleiten. Eure Crewmitglieder sind dabei keineswegs stumme Statisten, sondern überzeugen mit einer eigenen Persönlichkeit, Hintergrundgeschichte und stehen euch mit ihren individuellen Fähigkeiten jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Jeder eurer Mitstreiter verfügt dafür über einen kleinen Skilltree, eine Spezialfertigkeit sowie spezielle Talente. Als überaus nützlich erweist sich dabei auch die Tatsache, dass ihr deren Aggressivität sowie Angriffsverhalten individuell festlegen könnt. Die Schussgefechte an sich fallen derweil schon auf dem normalen Schwierigkeitsgrad viel zu simpel aus. Erprobte Shooterspieler können ohne Umschweife auf die nächsthöhere Stufe wechseln, alle anderen werden im Rahmen der Kampagne wohl nur selten den Game Over Screen zu Gesicht bekommen. Abseits davon sind die Kämpfe in den seltensten Fällen taktisch anspruchsvoll. Meist arten die Auseinandersetzungen in ein spaßiges aber chaotisches Durcheinander aus, zu dem eure KI-Kollegen mit ihren Spezialfertigkeiten ungewollt einen Großteil beitragen. Darüber hinaus neigen aber auch eure Kontrahenten dazu, kopflos in ein Gefecht zu laufen oder sich völlig sinnfrei vor euch zu platzieren. Würden diese nicht ohnehin schon aus Klonkriegern und den immer gleichen Abziehbildern bestehen, wären die Kämpfe wahrscheinlich um ein hohes Maß erinnerungswürdiger als sie es jetzt sind. Mit dem TZF, der sogenannten taktischen Zeitdilatation, gibt es zudem ein Pendant zu dem aus Fallout bekannten VATS-System. Dieses erlaubt es euch, eine Art Zeitlupe zu erzeugen, mit deren Hilfe ihr Schwachstellen eurer Gegner ins Visier nehmen und sie so im Kampf behindern könnt. Eine nette Funktion, die das Wirrwarr zumindest um eine gewisse taktische Komponente bereichert, wenngleich diese spielerisch keinen allzu großen Mehrwert bietet. Das Gunplay zeigt sich indes grundsolide, hätte hier und da aber etwas mehr Trefferfeedback und eine Prise Durchschlagskraft vertragen können. Als schusserprobter Söldner habt ihr Zugriff auf insgesamt 5 verschiedene Waffenarten. Dazu zählen Nahkampfwaffen wie Einhandwaffen und Zweihandwaffen sowie Handfeuerwaffen, Langwaffen und schwere Geschütze. Eure Schießeisen spielen sich größtenteils recht unterschiedlich, haben meist spezielle Schadensarten und sogar einen individuellen Abnutzungsgrad. Die richtigen Skills vorausgesetzt, könnt ihr eure Wummen an Werkbänken jederzeit reparieren, aufwerten, mit Mods modifizieren oder sie in ihre Einzelteile zerlegen. Obwohl ihr in der Spielwelt immer wieder allerlei Gegenstände und Ausrüstung findet, ist dieser doch selten von einzigartiger Natur. Viel mehr gleichen sich nicht nur Waffenmodelle und Rüstungen wie ein Ei dem anderen, auch deren Werte sind zumeist identisch. Das macht das Looten zu einer weit weniger befriedigenden Aufgabe.

Eure Gegenspieler sind meist weder besonders intelligent noch wirklich interessant gestaltet.

 

Dieselben Assets, wo man auch hinschaut

Auf den ersten Blick zaubert The Outer Worlds wirklich schön gestaltete, farbenfrohe Umgebungen auf den Bildschirm, die jedoch beim genaueren Hinsehen deutlich von den Budgetbeschränkungen gezeichnet sind. Umgebungs-Assets werden regelmäßig recycelt, während Charaktermodelle trist und uninspiriert wirken. Das Rollenspiel setzt zudem nicht auf eine offene Spielwelt, sondern bietet dem Spieler, acht kleinere Areale, die er einzeln mit dem Raumschiff ansteuern kann. Aufgrund der immer gleichen Gegner-Kopien macht die Welt in seiner Gänze einen sehr statischen und kaum lebendigen Eindruck. Die Gebiete wirken größtenteils leer und trostlos, nur an bestimmten, dafür vorgesehenen Stellen gibt es für euch tatsächlich etwas wertvolles zu entdecken. Missionen außerhalb von Gebäuden oder Dungeons sind daher meist von langen, ereignislosen Laufwegen gekennzeichnet, die sich glücklicherweise durch das üppige Fast-Travel-System in Grenzen halten.

 

Positiv:

Gelungenes Rollenspielsystem
Fallout-Charme
Treffender Humor
Vielschichtiges Dialogsystem

Negativ:

Umgebungen wirken stellenweise generisch und leblos
Dumme Gegner-KI
  • The Outer Worlds
    “Obsidian kreiert mit The Outer Worlds eine offensichtliche Liebeserklärung an westliche Rollenspiele der 2000er. Man paart die populäre Bethesda-Formel mit bekannten Elementen anderer popkultureller Phänomene a la Mass Effect und Firefly, verpasst jedoch gleichsam die Chance, etwas einzigartiges und individuelles zu erschaffen. Nichtsdestotrotz versprüht das selbst ernannte Double-A-Game Unmengen an Charme und lässt uns selbst über einige kleine Patzer großzügig hinwegsehen. Die durchdachten und umfangreichen Dialoge, das tiefgründige Rollenspielsystem und die vielschichtigen Quests dürften jeden Rollenspielbegeisterten nur allzu schnell in seinen Bann ziehen und bis zum Ende der Kampagne kaum noch loslassen. The Outer Worlds erinnert größtenteils an ein minimalistisch gehaltenes Fallout, das den Vergleich mit seinem großen Bruder nach dem ernüchternden Fallout 76 durchaus standhalten kann bzw. nicht Scheuen muss.”
    Yvonne Engelhardt, Redakteur

Ab in die Sammlung?

Ausgehungerte Fallout-Fans und Rollenspielliebhaber, die sich nach einem kleinen charmanten und tiefgründigen Ausflug ins Genre sehnen.

Yvonne Engelhardt
Geschrieben von
findet irgendwann alle 7 Dragonballs.

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