Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter – Test zum vergeigten Open-World-Fall

Mein Name ist Holmes, Sherlock Holmes! Moment mal, dieses Zitat kam doch von einem Agenten und nicht von einem Detektiv. Wie dem auch sei, Sherlock Holmes hat schon so manches Spieledebüt gefeiert. Der neue elfte Teil “The Devil’s Daughter” stammt von dem gleichen Entwickler, die zuvor mit “Crimes & Punishments” überzeugten. Frogwares hat vor gut zwei Jahren ein wirklich tolles Adventure auf den Markt gebracht. Aber die Zeiten ändern sich und deshalb muss eine Open-World her, Quick-Time-Events eingebaut werden und am besten jede Menge Explosionen dazu. Alles Dinge, die ein Sherlock-Holmes-Spiel aber nicht braucht. Alles zum vergeigten Fall gibt es jetzt im Test.

 

Knackpunkte über Knackpunkte

Bereits beim ersten Starten von The Devil’s Daughter wird klar, den Ladebildschirm werden wir wohl oft und lange sehen. Denn die Ladezeiten sind eine reinste Katastrophe, um dies bereits vorwegzunehmen. Bis zu einer Minute kann es dauern, bis ein Teil der “Open-World” geladen wird. Und da kommen wir auch schon zum zweiten Knackpunkt, denn eine richtige Open-World, wie etwa in Grand Theft Auto oder Assassin`s Creed, gibt es nämlich gar nicht. Vielmehr ist es Tatsache, dass wir in sehr abgegrenzten Stadtteilen Londons unseren Spuren folgen und versuchen die insgesamt fünf Fälle zu lösen. Innerhalb der Areale gibt es aber auch so kaum etwas zu sehen. Ein paar Menschen schlendern durch die Straßen, das wars. Gebäude können nur betreten werden, wenn das Spiel dies so vorsieht, eigenständiges Erkunden für weitere Hinweise – Fehlanzeige! Ortswechsel werden mit interaktiven Kutschfahrten begleitet, so lassen sich per Knopfdruck Hinweise, Fundstücke und weitere Dinge im Notizbuch studieren. Fast vergessen: Holmes und Watson sehen im neuen Teil komplett anders aus, als noch im Teil zuvor. Auch wenn es relativ zur selben Zeit spielt, haben sich die Entwickler dazu entschieden, den beiden ein Facelift zu geben. Uns stört dies nicht, für die Fans könnte dies aber ein Dorn im Auge sein. Da es sich hierbei allerdings um Geschmacksache handelt, haben wir diesen Punkt in der finalen Wertung nicht weiter mit einfließen lassen.

London in Flammen, zu viel Action tut unserem Holmes nicht gut.

London in Flammen, zu viel Action tut unserem Holmes nicht gut.

 

Willkommen im London Mr. Holmes

Aber kommen wir erst mal zur Story. Wir spielen Londons Meisterdetektiv Sherlock Holmes, der in der Baker Street 221B zusammen mit Dr. Watson seine Fälle, die nur indirekt etwas miteinander zu tun haben, löst. Serientypisch werden diese episodisch erzählt. Um die Fälle herum gibt es noch eine Rahmenhandlung, in der es um Holmes Adoptivtochter Kate geht. Sie ist die leibliche Tochter des Oberschurken Moriarty, was sie allerdings nicht weiß. Erst als eine neue Nachbarin einzieht, die über alles Bescheid zu wissen scheint, reißt das so schöne Familienleben langsam auseinander. Die Fälle selbst sind meist spannend inszeniert und kommen oft mit Wendungen daher. Uns bleibt es überlassen, ob wie in der Ego- oder Third-Person-Ansicht den Meisterdetektiv durch die Straßen steuern. Letztere ist besonders für den ersten Überblick besser geeignet. Insgesamt bietet das Detektivleben eine Menge Abwechslung. So wird belauscht, geflüchtet, geschossen und beschattet. Natürlich müssen auch Schlösser geknackt, Gegenstände in Gang gebracht und Fallen umgangen werden. In der Baker Street steht zudem ein riesiges Archiv voller Landkarten, Zeitungen und Berichten zur Verfügung. Auf diese müssen wir immer wieder zurückgreifen, um bestimmte Lokalitäten und Beweisstücke zu finden. In verschiedenen Minispielen muss man zudem noch sein Können unter Beweis stellen. Diese kann man aber jederzeit per Knopfdruck überspringen, warum man diese dann überhaupt in das Spiel integriert hat, bleibt uns ein Rätsel… Apropos Rätsel, diese gibt es im Spiel zwar, richtig fordernd sind diese aber ganz und gar nicht. Bullet-Time- und Quick-Time-Sequenzen gehören leider auch zum Portfolio von The Devil’s Daughter. Unnötig, Spaß raubend und bremsend sind diese Aktivitäten, einen guten Grund für die Implementierung ist uns dementsprechend nicht eingefallen. Die Krönung gibt es allerdings bei den kleinen Verfolgungsarealen. Diese wirken sehr nach einem billigen Assassin`s Creed, welches Ubisoft nicht pünktlich zum geplanten Release fertigbekommen, aber doch veröffentlicht hat…hust.

Verschiedene Hinweise bringen uns zum Ziel.

Verschiedene Hinweise bringen uns zum Ziel.

 

Team Bondi wo seid ihr, wenn man euch braucht

Auch wenn die eigentlichen Spielmechaniken nicht richtig erklärt werden, echte Herausforderungen suchen wir selbst auf der höchsten Schwierigkeitsstufe vergebens. Dies liegt leider an den viel zu vielen Hinweisen, die uns das Spiel immer wieder vor die Nase schiebt. Das Spiel lässt uns zudem nicht weiter, wenn wir nicht alle Gegenstände bzw. Tatbestände per Knopfdruck in einem bestimmten Areal analysiert haben. Große Entscheidungsfreiheiten gibt es also keine, die sich etwa auf die Geschichte stark auswirken könnten. Erst zum Ende hin kann man dafür sorgen, verschiedene Abschlüsse zu sehen. Hinweise zu kombinieren ist ziemlich einfach und kann auch beliebig oft gemacht werden. So kann man in Ruhe schauen, welche Konsequenzen sich wie ergeben. Auch bei den Gesprächen mit verdächtigen Personen muss man sich auf maximal zwei Einschätzungen festlegen. Spätestens hier hätte man sich mal eine Scheibe von L.A. Noire abschneiden können. Die bereits “offene” Spielwelt bietet zwar nicht den gewünschten und angepriesenen Umfang, dennoch muss man sich erstmal zurechtfinden und schauen, wo sich letztendlich die richtige Straße befindet, in der ein Hinweis lauert. Auch die Detektivsicht, um versteckte Spuren zu finden, ist zwar eine nette Idee, man wird aber immer dann darauf hingewiesen, wenn man sich auch benötigt. Ein weiterer Punkt, der leider die Entscheidungsfreiheit ein weiteres Stück verdrängt. Wer Sherlock gerne mal mit Glatze und Sonnenbrille sehen möchte, der kann im Kleiderschrank und am Schminktisch für ordentliche Abwechslung sorgen. Immer wieder kommt es zu Actionsequenzen, die aber vollkommen daneben und nicht weiter erwähnenswert sind. Es muss halt nicht überall Explosionen oder Schießereien geben.

 

Technisch (fast) sauber gelöst

Immerhin kann die Optik überzeugen. Bereits der Vorgänger sah ordentlich aus, einen Feinschliff gaben die Entwickler dem neuen Spiel aber trotzdem. So gibt es schärfere Texturen, schöne Lichteffekte, tolle Charaktere und detailreiche Schauplätze. Im direkten Vergleich mit anderen Adventure-Abenteuern legen Frogwares die Messlatte sehr hoch an. Einzig die leichten Einbrüche der Bildrate, Tearing und Pop-Ups müssen nicht sein. Hier besteht für den kommenden Teil definitiv Handlungsbedarf. Zudem ist das komplette Spiel auch auf Deutsch lokalisiert worden, was durchaus gelobt werden darf. Denn die deutschen Sprecher machen einen ordentlichen Job. Für das Gameplay ist es wesentlich einfacher bei Gesprächen zuzuhören und aufzupassen, welche Mimik der Gesprächspartner zeigt (ein Kritikpunkt, der beispielsweise auch bei L.A. Noire zum Vorschein kam).

Die Stadt ist detailreich, bietet allerdings kaum bis keine Interaktionen.

Die Stadt ist detailreich, bietet allerdings kaum bis keine Interaktionen.

 

Fazit:

Ich bin mit The Devil’s Daughter nicht einmal richtig warm geworden. Dies liegt nicht etwa an Sherlock Holmes oder die fünf unterschiedlichen Fälle, es liegt vielmehr daran, dass Frogwares mit diesem Titel bestehende gute Mechaniken mit neuartigen Modeerscheinungen kombinieren wollte. Doch so was funktioniert leider nicht in jedem Genre. Wir brauchen Detektiv-Adventures, die gut funktionieren, eine spannende Handlung besitzen und tolle Charaktere bieten. Deshalb ist die Enttäuschung noch immer sehr groß, weil der direkte Vorgänger Crimes & Punishments uns überzeugen konnte. Holmes braucht keine Quick-Time-Events oder Actioneinlagen wie ein James Bond, er braucht Spannung und Watson. Ändern können wir das Debakel jetzt nicht mehr, kaufen sollte man es sich aber auch nur, wenn man Hardcore-Holmes-Fan ist.

 

Gut
  • Fünf unterschiedliche Fälle gilt es zu lösen
  • Im Notizbuch finden sich alle eingesammelten Dinge wieder
  • Tolle Optik mit schicken Charakteren und ordentlichen Lichteffekten...
  • Deutsche Übersetzung und Vertonung
Schlecht
  • Das Spiel bietet keine Herausforderung
  • Rahmenhandlung eher nebensächlich und nicht wirklich interessant
  • ...allerdings gibt es Performance-Probleme (Tearing, Framerateinbrüche etc.)
  • Erklärungen für die Vorgehensweise gibt es kaum bis gar nicht
  • Extreme Ladezeiten
  • Inhalte wie Quick-Time-Events oder überspringbare Minispiele stoppen den Spielfluss
  • Open-World nicht Open-World
64
Tobias Liesenhoff
Geschrieben von
ist bereit für neue Herausforderungen in 2019.

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