Life Is Strange: Episode 2 (Out of Time) – Review zum zweiten Ableger der Zeitspielerei

Hut ab, Dontnod: Der erste Ausläufer des Episoden-Adventures ‘Life is Strange’ konnte sich wirklich sehen lassen. Nicht nur das Telltale-artige, auf Dialoge und ihre Entscheidungen reduzierte Gameplay wusste zu gefallen. Die Möglichkeit, die Zeit zurückzudrehen, gab dem altbewährten Prinzip einen interessanten, aufregenden neuen Anstrich. Wir haben uns die zweite Episode angeschaut und können direkt vorweg stellen: Das hohe Niveau wird gehalten.

 

Das Unheil auf der langen Bank

Ein wütender Tornado soll die neue-alte Heimat Arcadia Bay vom Erdboden verschlingen – soweit die Vision von Protagonistin Max und das Ende der ersten Episode. Im Vordergrund der zweiten Episode stehen allerdings andere Tatsachen: Erstens, dass die ehemaligen besten Freunde Chloé und Max trotz anfänglicher Diskrepanzen wieder glücklich vereint sind. Und zweitens, dass Chloé von Max’ besonderen Fertigkeiten mittlerweile Wind bekommen hat. Die zweite Episode ‘Out of Time’ konzentriert sich vor allem darauf, wie dieses Verhältnis weiter wächst. Gleichzeitig bekommt Chloé unmittelbare Eindrücke von Max’ Fertigkeit, die Zeit zu manipulieren.  Ansonsten wird vor allem Max’ Blackwell-Academy-Freundin Kate thematisiert, dessen stark in sich gekehrte Art schon in der ersten Episode dadurch auffiel, dass sie nicht auffiel. Ein Party-Video von ihr macht auf dem Campus die Runde und beschämt sie, ihre Familie und ihre Kirchengemeinde. Dumm vorallem: Kate kann sich an nichts erinnern! Hatte hier Nathan seine Finger im Spiel, der schon Max und Chloé in Schwierigkeiten gebracht hat und nun zu den letzten Erinnerungen Kates durchzechter Nacht gehört?

Ein viral gewordenes Partyvideo bringt Kate in Verlegenheit.

Ein viral gewordenes Partyvideo bringt Kate in Verlegenheit.

 

Memory-Spiel mit der Zeit

Doch zunächst einmal zurück zu Chloé. Die begleiten wir einen Großteil des Tages der zweiten Episode und machen an allerhand, für sie relevanten, Stationen halt. So zum Beispiel dem Diner von Chloés Mutter Joice, die wir – nach dem eher unentspannten Aufeinandertreffen mit Chloés Stiefvater – dann auch mal kennenlernen. Joice kennt Max noch aus Kindertagen und ist ihr sehr positiv und aufgeschlossen gesinnt, sie freut sich über ihre Rückkehr nach Arcadia Bay und sieht sie als möglichen guten Einfluss für die rebellierende Chloé. Das Diner wird auch zum Schauplatz der Präsentation unserer besonderen Fertigkeit gemacht, die für Chloé hier immer noch neu ist. So sollen wir unter anderem Geschehnisse vorhersagen, wie sie in der Zukunft eintreffen werden. Das heißt für uns: Erst einmal die Zukunft eintreten lassen, um dann im nächsten Schritt die Zeit zurückzudrehen und Chloé alles zu erzählen. Chloé will es aber genau wissen: Wer hat welche Tasse fallen gelassen? Wie hat der Polizist auf seinen Funkspruch reagiert? Dontnod verbauen hier ein ganz witziges, wenn auch vielleicht etwas anstrengendes Minispiel, da wir uns schwer tun, uns all die vielen Fakten in ihrer Genauigkeit direkt zu merken. Wie viele Zigaretten, wie viel Kleingeld hatte Chloé jetzt genau dabei? Da müssen wir wohl noch mal die Zeit zurückdrehen. Und noch mal. Und noch mal.

Im Diner lernen wir Chloès Mutter Joice kennen - und müssen für Chloé die Zukunft vorhersagen.

Im Diner lernen wir Chloès Mutter Joice kennen – und müssen für Chloé die Zukunft vorhersagen.

 

Entscheidungen treffen mit Feingefühl

Kate ist das besagte andere große Thema der zweiten Episode. Was sollen wir ihr in dieser misslichen Lage empfehlen? Und wie sollen wir mit dem Shitstorm hantieren, der von Seiten ihrer Kommilitonen auf Kate herabregnet? Hier werden wir dazu gezwungen, sensibel Antwortmöglichkeiten abzuwägen. Natürlich können wir nach wie vor unsere Entscheidungen revidieren, indem wir die Zeit unmittelbar nach der Entscheidung zurückdrehen. Nach wie vor macht dass das Entscheiden allerdings nicht leichter, da alle Antwortmöglichkeiten so ihren faden Beigeschmack haben. So erwischt man sich wieder dabei, mehrmals die Zeit hin- und herzuspulen, um bloß die richtige Antwort auszuwählen. Gegen Ende der zweiten Episode erlischt übrigens für einmal Max’ Zeitspul-Fertigkeit in einer ganz brenzligen Situation. Das setzt uns die Schweißperlen doppelt auf die Stirn – wir sind nicht daran gewöhnt, dass uns die richtige Entscheidung auf Anhieb gelingen muss. Hier geht es dazu um sehr viel, und die Situation ist nicht mit einer, sondern einer ganzen Reihe von Antworten zu klären, die allesamt ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen erfordern. Dontnod schaffen hier den bisherigen Höhepunkt der Serie – so extrem spannend und fesselnd war es bisher noch nicht!

Vor allem das Verhältnis die wieder wachsende Freundschaft zwischen Max und Chloé ist ein zentrales Thema der zweiten Episode.

Vor allem die wieder wachsende Freundschaft zwischen Max und Chloé ist ein zentrales Thema der zweiten Episode.

 

Technisch alles wie gewohnt

Technisch bleibt alles beim Alten: zweckmäßige, aber stilvolle Optik, entspannter, sanfter Gitarrenrock, solide englische Sprecher. Auf Lippensynchronität müssen wir nach wie vor verzichten. Das fällt aber nicht mehr ganz so sehr ins Gewicht, da wir uns an diesen Umstand mittlerweile mehr oder weniger gewöhnen konnten.

 

Fazit:

Die zweite Episode nimmt sich Zeit, uns tiefere Einblicke in die Leben der Charaktere zu ermöglichen, die uns umgeben. Dadurch gewinnt ‘Life is Strange’ noch mehr an Tiefe und Nähe für uns, wir fühlen uns immer mehr in die Spielwelt von Arcadia Bay involviert. Langweilig wird es bei allem Pflegen von Beziehungen allerdings nicht: Gerade gegen Ende wird die zweite Episode richtig spannend und aufwühlend, wenn wir einmal nicht die Zeit zurückspulen können. Das soll aber nicht heißen, dass wir das Zeitspul-Feature nun ganz missen wollen – in der Einmaligkeit dieser Brisanz liegt die Stärke. Außerdem experimentieren wir immer noch zu gerne mit Antwortmöglichkeiten und Konsequenzen. Wie die übrigens langfristig aussehen werden, können wir kaum noch abwarten. Schon jetzt ernten wir mit Erstaunen die Früchte davon, wie jede noch so kleine Entscheidung in der Welt von ‘Life is Strange’ nachhallt.

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Geschrieben von Thomas Solzic
Immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

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