Beyond: Two Souls – Review zum Zeitreisethriller (Spoilerfrei)

“Die besten Spiele erscheinen immer am Ende einer Konsole-Ära”, dies sagten in den letzten Wochen und Monaten bereits etliche Entwickler. Damit haben sie völlig recht. Kein Wunder also, dass auch Sony QuanticDream den Auftrag gab, ein neues Spiel zu entwickeln. Kein geringerer als David Cage kam in Frage, der sich nach Heavy Rain und Fahrenheit erneut an das Drehbuch des Spiels setze. Mit Beyond: Two Souls wollen die Entwickler die Messlatte für interaktives Storygeschehen weiter ausbauen. Nach knapp drei Jahren Entwicklung und unter Einsatz einer neuen Motion-Capture-Technik ist Beyond: Two Souls bereits der zweite exklusiv Titel aus dem Hause QuanticDream für die Playstation 3. Ob das neue Spiel wirklich so gut gelungen ist, wie die indirekten Vorgänger, lest ihr jetzt bei uns im Test.

 

WICHTIG:
Diese Review enthält keine Spoiler aus der eigentlichen Geschichte des Spieles

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Übernatürliche Seele

Unsere Hauptfigur heißt Jodie Holmes, gespielt von Hollywoodstar Ellen Page. Wir spielen knapp 20 Jahre aus ihrem aufregenden Leben nach und merken dabei ziemlich schnell, dass besonders die Anfangszeit für Jodie ziemlich schwierig war. Nach der Geburt wird Jodie ihrer Mutter entrissen und zur CIA gebracht. Die ersten richtigen Jahre verbringt sie allerdings in einer Pflegefamilie, wo ihre übernatürlichen Fähigkeiten zum ersten Mal große Probleme darstellen. Die Pflegeeltern machen dies aber nicht lange mit und schon landet Jodie in einer Forschungseinrichtung, wo sie auch gleichzeitig lebt. Dort wird sie eher als Forschungsobjekt behandelt, als ein heranwachsendes Kind. Der einzige Vertraute ist Professor Nathan Dawkins, gespielt von Hollywoodstar Willem Dafoe, zu dem Jodie eine ganz wichtige Beziehung aufbaut. Dieser ist immer für sie da und passt ebenfalls in den Kinderjahren gut auf sie auf. Doch dann wäre da noch Aiden, Jodies zweite Seele. Er ist eine übernatürliche Existenz, die Jodie seit ihrer Geburt begleitet und immer für sie da ist, sogar in kritischen Situationen. Wird sie zum Beispiel angegriffen, ob verbal oder körperlich, ist Aiden sofort da und zeigt der Person, dass man sich lieber nicht mit ihr anlegen sollte. So entwickelt sie für ihn eine besondere Beziehung, die sich wie ein bester Freund oder Spielkamerad anfühlt. Leider hat dies für sie auch einige Nachteile, da es mit Aiden sehr schwierig ist, richtige Freunde zu finden oder Bekanntschaften aufzubauen. Ihr Adoptivvater bezeichnet sie als “Monster” und Gleichalterige nennen Jodie “Hexe”, was besonders als Kind völlig verstörend wirkt. Die Story wird allerdings nicht chronologisch oder direkt am Stück erzählt, sondern in verschiedenen Episoden. Nach jeder Episode springt das Spiel immer wieder auf dem Zeitstrahl hin und her. Dies kann so manchen Spieler etwas verwirren und die entstandene Spannung könnte dadurch schneller entwischen. Eine chronologische Erzählweise hätte der Spannung allerdings auch nicht gerade gut getan, da man dadurch eventuell sofort wüsste, was als nächstes in Jodies Leben passieren wird.

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Jodie hat es nicht leicht.

 

Du bist Regisseur

Die beiden geistigen Vorgänger von Beyond: Two Souls spielten sich eher zurückhaltend und boten kaum spielerische Abwechslung. Drücke im richtigen Moment, die angezeigten Knöpfe und entscheide zwischen einer Auswahl von Texteinblendungen. Ein paar Triggerbewegungen waren auch mit dabei. Dies ist in Beyond nicht großartig anders geworden, am alten Spielprinzip wurde dennoch ein wenig gefeilt. Die bekannten Bewegungen passen nun noch besser zusammen und laufen flüssiger ab. Die Steuerung von Jodie wird mit dem linken Analogstick ausgeführt und die dazugehörige Kamera geht automatisch mit. Alternativ kann man diese aber auch mit dem rechten Analogstick steuern, um besonders bei Aiden den besseren Überblick zu haben. Sämtliche Interaktionen werden uns mit einem kleinen weißen Punkt markiert, damit wir genau wissen, wo wir den Controller benutzen müssen. Die verschiedenen Fähigkeiten, über die Aiden verfügt, werden dann mit den Schultertasten und der beiden Sticks ausgeführt. Dabei müssen wir dann genau aufpassen, in welche Richtung diese bewegt werden müssen. Wir erleben ein erstklassiges Drama mit einigen Science-Fiction-Szenen und spielen dabei den Regisseur eines Filmes. Wir sollen die Story als Zuschauer erleben und diese gleichzeitig mitgestalten, wie sie uns am besten gefällt. Dabei könnte jede noch so kleine Tat, uns schnell zum Verhängnis werden oder uns im Spiel weiterhelfen. Auch auf die Fähigkeiten von Aiden müssen wir, besonders als junge Jodie, aufpassen. Lassen wir Jodie zum Beispiel etwas selbstbewusster auftreten, kommen wir einer anderen Person etwas näher. Sollten wir ihr aber die schüchternere Rolle geben, entstehen keine großen Gespräche und Jodie wird schnell verbal angemacht. Dies sind alles Entscheidungen, die der Spieler selbst tragen kann. Besonders in diesen Szenen merkt man, mit welchem Detailgrad an dem Spiel gearbeitet wurde. Den Verlauf der Story können wir durch bestimmte Entscheidungen teilweise auch stark beeinflussen. Dies merken wir spätestens am Schluss des Spieles, da man eines von 23 verschiedenen Enden erleben darf. Durch die verschiedenen Enden erhöht sich nicht nur der Wiederspielwert, sondern auch die Spieldauer.

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Das Spiel ist detailreich gestaltet.

 

Deutsche Version von Beyond

Bereits im Vorfeld wurde seitens Sony bestätigt, dass es keine Originalfassung von dem Spiel in Deutschland geben wird. Es wurden ein paar Veränderungen vorgenommen, damit das Spiel in Deutschland die Altersfreigabe “ab 16 Jahren” bekommen konnte. Diese kleinen Veränderungen sollen aber laut Sony, keine großen Auswirkungen auf das Gameplay oder der Story haben. Ein Import von der europäischen PEGI-Version bringt ebenfalls nichts, da diese identisch mit der deutschen USK-Fassung ist.

 

Allerdings gibt es auch Momente, an denen das Spiel den Weg vorgibt. Jede Episode beginnt mit einer kleinen Einleitung, die uns den nächsten Lebensabschnitt kurz erläutert. Danach können wir Jodie steuern und uns innerhalb des Levels frei bewegen. Frei im Sinne, dass wir innerhalb eines Hauses oder Korridors die Wege entlanggehen können. Diese Weise bringt den Spieler dazu, dass man genau die Szenen sehen muss, die der Entwickler gerne zeigen möchte. Einzelne Abschnitte sind demnach leider nicht beeinflussbar. Trotzdem bleibt es nicht bei einer einfachen Lauferei, sondern wir müssen auch Türen öffnen oder Gegenstände benutzen. Ab und zu kommt dann auch Aiden ins Spiel, der uns den Weg freimachen muss, damit wir innerhalb des Abschnittes weiterkommen. Seine Hauptmerkmale sind dabei Türen öffnen, Fenster einschlagen oder Gegenstände bewegen. Diese Interaktionen werden mit dem rechten Analogstick, den wir in die entsprechende Richtung drücken müssen, gesteuert. Doch bei Aiden müssen wir aufpassen, da er nur über einen bestimmten Aktionsradius verfügbar ist. Sollte Aiden einmal zu weit von Jodie entfernt sein, können wir uns nicht mehr weiter mit ihm bewegen. Brauchen wir Aiden einmal nicht, sollten wir uns trotzdem mal in seine Lage versetzen lassen. Versteckte Bonusinhalte sind im ganzen Spiel versteckt. Diese können wir uns dann nach der Freischaltung im Hauptmenü anschauen. Auch bei den Kämpfen ist der rechte Stick unser einziges Mittel zum Sieg. In den Kampfszenen fällt der Bildschirm kurz in Zeitlupe, sobald ein Gegner uns angreifen will. Die richtige Bewegung gegen den Gegner genügt, um diesen zu besiegen. Sämtliche Aktionen verlaufen relativ zügig und machen die Kämpfe nicht zu schwierig. Einen Vorteil haben auch falsche Bewegungen, denn Jodie kann sowieso nicht verlieren oder sterben. Im ganzen Spielverlauf gibt es keine Möglichkeit zu scheitern, selbst wenn wir in einer Verfolgungsjagt sind. Es gibt immer ein Ziel den Abschnitt zu meistern. Einzig beim CIA-Training müssen die Trainingseinheiten solange gespielt werden, bis diese erfolgreich abgeschlossen worden sind.

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Trotz leicht vorgegebenem Story-Verlauf kommt hier nichts zu kurz.

 

Das Wechseln zwischen Jodie und Aiden funktioniert per Knopfdruck an einem Controller. Alternativ können wir das Spiel aber auch im kooperativen Spielmodus spielen. Im Hauptmenü können wir jederzeit umstellen, ob wir das Spiel alleine oder zu zweit spielen wollen. Mit Hilfe eines zweiten Controllers steuert der zweite Spieler dann Aiden alleine. Sogar das Smartphone kann als zweiten Controller genutzt werden, indem man sich die offizielle Beyond-App herunterlädt. Die wichtigsten Tasten für die Fähigkeiten von Aiden stehen uns dann auf dem Display zur Verfügung. Allerdings ist es schade, dass wir nur eine Person gleichzeitig steuern können. So entstehen während des Spielens lange Wartezeiten, besonders wenn wir nur nach den Bonusinhalten suchen. In bestimmten Situationen kann der zweite Spieler sogar einfach nur hinschauen, da der Wechsel zurück zu Jodie erst nach einer bestimmten Szene wieder möglicht ist. Ansonsten ist dieser Modus eine nette Beigabe, der besonders mit einem Freund viel Spaß machen kann. Wer sich eher ein Lets Play anschaut, braucht sich das Spiel gar nicht erst zu kaufen. Die Story wird nämlich trotz der Entscheidungsmöglichkeiten detailliert gezeigt und man denkt danach, dass bereits alle Szenen gezeigt wurden. Aus diesem Grund sollte der Controller auch in Gruppen an jeden Spieler einmal gereicht werden, damit das Gefühl entsteht, die Story selbst zu beeinflussen.

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Das Spiel ist auch im Koop-Modus spielbar.

 

Technische Meisterleistung

Die Playstation 3 hat bereits einige Jahre auf dem Buckel, trotzdem bietet sie noch einiges an Leistung. Alle Charaktere sehen genauso aus, wie ihre Vorbilder, mit allen Details. Sämtliche Veränderungen, wie Narben oder Sommersprossen, fallen beim Spielen sofort auf. Auch die kleinsten Emotionen, ob Tränen oder Freude, werden genauestens gezeigt. Neben den erstklassigen Charakteren, sind auch die einzelnen Kapitel detailliert gestaltet. An jeder Ecke sieht man die Liebe zum Detail. Ein bisschen Kantenflimmern ist zwar vorhanden, stört den Spieler beim zusehen aber nicht. Dies liegt wahrscheinlich an den schauspielerischen Meisterleistungen der Hollywood-Stars, denn diese machen ihren Job besser als in jedem Film. Noch nie gab es so viele Emotionen in einem Videospiel. Alle Szenen wurden via Motion-Capture aufgenommen und zum Teil am Stück gedreht. Auch die Szenen, in denen Jodie noch ein kleines Kind ist, wirken für den Spieler emotionsreich. Ein weiteres Lob geht an die Vertonung der Schauspieler. Wie bereits in den letzten Spielen von QuanticDream ist Hans Zimmer für den Soundtrack zuständig und untermalt das ganze Geschehen mit einer atmosphärischen Musik. Alternativ zu der grandiosen deutschen Vertonung, kann man auch direkt zur englischen Sprachausgabe umschalten und sich direkt von Ellen Page und Willem Dafoe berieseln lassen.

 

Fazit:

Wer Heavy Rain gut fand, wird Beyond lieben. Die tollen Schauspieler, die grandiose Musik, die eindrucksvolle Technik und das interaktive Gameplay machen den Titel zu dem Topspiel des Jahres. Hier sieht man, was noch alles in einer mehr als sechs Jahre alten konsole drinstecken kann. Besonders durch die zeitlichen Sprünge, die in der Story entstehen, kommt eine Spannung auf, die man sicher nicht erwartet hätte. Durch die mehr als 20 verschiedenen Enden erhöht sich der Wiederspielwert und die Frage, was kann ich nur anders machen. Bessere Schauspiele hätte man sich für diese Story sicherlich nicht aussuchen können. Trotz der paar kleinen Gameplayschwächen, ist Beyond mein Highlight des Jahres.

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Geschrieben von Tobias Liesenhoff
Chefredakteur für Games, Movies, Hardware seit Juni 2013.

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