Until Dawn – Review zum interaktiven Teenie-Horror

Ursprünglich hätte Until Dawn noch eines der letzten exklusiven Titel für die PlayStation 3 werden sollen. Auf der gamescom 2012 wurde der Titel mit dem Hauptaugenmerk auf die PlayStation Move Steuerung mit einem Trailer angekündigt (Siehe den Trailer hier). Danach wurde es sehr still. Auf der gamescom 2014 lies man die große Bombe schlussendlich platzen und kündigte das Spiel für die neue PlayStation 4 und ohne Bewegungssteuerung neu an. Mit der Hilfe von Motion Capture wurden verschiedene Schauspieler verpflichtet, als Protagonisten im Spiel aufzutreten. Doch wie gut ist Until Dawn nach diesem Hin und Her wirklich? Wir haben uns den Titel einmal genauer unter die Lupe genommen.

 

Wichtige Information zu dieser Review: Es befinden sich keinerlei Spoiler innerhalb der Review, weshalb wir auch nicht genauer auf die Geschichte eingehen werden. Ihr könnt vor dem Spielen unseren Test zu Until Dawn beruhigt lesen und danach euer Abenteuer mit den acht jungen Leuten beginnen.

 

Reif für die Berge… 

Nichts ahnend treffen sich acht Jugendliche, nachdem zwei ihrer Freundinnen vor genau einem Jahr an diesem Ort spurlos verschwunden sind, in einer einsam gelegenen Berghütte wieder. Zum Gedenken an die beiden Schwestern Beth und Hannah wollen die acht ein ganzes Wochenende auf der Hütte bleiben. Doch soweit kommt es leider gar nicht erst. Denn anscheinend sind die acht nicht nur unter sich, sondern ein Serienmörder treibt sein Unwesen in den Wäldern. Nachdem man am Anfang vielerlei Hinweise auf einen entflohenen Irren im Haus findet, versucht die Gruppe das Wochenende zu starten. Blöde nur, dass der Mörder ihnen schon ganz dicht auf den Fersen ist. Jetzt sind wir auch schon still, denn jede weitere Information würde euch nur unnötig spoilern. Die komplette Geschichte bedient sich ordentlich an bereits bekannten Teenie-Horrorfilmen wie Nightmare on Elmstreet oder Scream. Man nehme eine Prise Outlast und vermischt diese mit Elementen von Saw. Schon bekommt man einen zweistündigen Horrorfilm, der vorhersehbarer nicht sein kann. Mit dem Unterschied, dass Until Dawn zwar genau diese Elemente bietet, dafür aber etwa zehn Stunden pro Durchlauf dauert und eben nicht vorhersehbar ist.

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Ein Jahr nach dem Verschwinden der zwei Schwestern Beth und Hannah kommen die acht Freunde zurück in die Berghütte.

 

Die Klischees reißen nicht ab

Die Horrorklischees reißen auch bei den acht Protagonisten nicht ab. Die Asiatin ist schmal und Klassenbeste, einer der Jungs ist ein Computernerd, die blonde Cheerleaderin möchte am liebsten direkt mit ihrem gut gebauten Boy ins Bettchen hüpfen. Sam (gespielt von Hayden Panettiere), Josh, Jessica, Mike (gespielt von Brett Dalton), Matt, Emily, Chris und Ashley heißen sie, was man allerdings erst nach dem ersten Durchspielen so richtig auf der Pfanne hat. Immerhin braucht man die Namen auch nicht wirklich zu wissen, schließlich ist Until Dawn eine Art Horrorfilm und am Ende ist es sowieso egal, wer überlebt und wer nicht. Richtig beleuchtet werden die Charaktere nicht, man kann aber dank der genial inszenierten Gesichtszüge mit ihnen fühlen und dank der kurzen Vorstellung ein paar Details entnehmen. Denn jede Entscheidung, welche man trifft, ist entscheidend für das Überleben der einzelnen Leute. Drücken wir einen Knopf zu spät, bietet uns das Spiel nur sehr selten eine zweite Chance und der Charakter gehört der Vergangenheit an. Großer Bestandteil des Spielprinzips ist der Schmetterlingseffekt. Man kennt die Frage aus dem echten Leben nur zu gut: Was wäre, wenn ich nicht… zum Einkaufen gefahren wäre. Dann hätte ich meine jetzige Freundin nicht bei meinem Autounfall getroffen und womöglich bis zum Lebensende alleine gelebt. Genau solchen Entscheidungen muss man sich am laufenden Band stellen. Dabei bleiben einem nur wenige Sekunden, um einen eventuellen Tod zu verhindern oder eine Kette an neuen Ereignissen freizuschalten. Mit einem Durchlauf sieht man nur einen minimalen Bruchteil aller im Spiel enthaltenen Szenen. Wenn man weiß, dass auch alle acht Jugendlichen die eine Nacht überleben können, wird man bei jeder Entscheidung vorsichtiger sein. Aber glaubt uns… auch wir haben mehrere Runden gebraucht, um auch nur die Hälfte am Leben gelassen zu haben…

Jessica ist das Horror-Klischee überhaupt.

Jessica ist das Horror-Klischee überhaupt.

 

Spielen wir eine Runde Twister

Es ist zwar schwierig möglichst nicht über angehende Storytwists zu reden, aber ganz verschweigen möchten wir diese auch nicht. Denn wenn man denkt, man sei dem Rätsel fast schon auf der finalen Spur, kommt etwas dazwischen, was die Jugendlichen in eine vollkommen neue Richtung verspürt. Da ist ein möglicher Streich nur der Anfang vom Eisberg – höhö! Spielerisch orientiert sich Until Dawn auf dem ersten Blick stark an den bereits für die PlayStation 3 erschienenen exklusiven Titeln Heavy Rain und Beyond: Two Souls, hat mit ihnen aber nur wenig gemein. Denn dank der Horroratmosphäre und den acht spielbaren Teenies bietet Until Dawn ein noch nie da gewesenes Spielerlebnis, was sich trotzdem wie Film anfühlt. Teilweise ist es nicht möglich zu unterscheiden, ob es sich nun um eine Cutszene handelt oder ob man schnell genug eine Taste auf dem Controller drücken muss. Insgesamt werden die zehn Stunden auf dem Berg in zehn einzelnen Episoden verpackt, die stark an eine TV-Serie erinnern. Vor jedem Kapitel wird nämlich ein “Bislang bei Until Dawn” eingeblendet, wo man seine bisherigen Entscheidungen und erlebten Szenen noch einmal vor die Nase gehalten bekommt. Auf Dauer vielleicht etwas nervig, aber dennoch eine schicke Idee. Zwischen den einzelnen Erlebnissen trifft man immer wieder auf den Therapeuten Dr. A. J. Hill, der einen ebenfalls vor wichtigen Entscheidungen stellt. Was mag man eher: Nadeln oder viele Menschen auf einem Haufen? Hat man eher Angst vor Zombies oder Clowns? Hier zählen die Entscheidungen genauso in die Geschichte, wie der Kampf ums Überleben. So hat der Mörder eben auch mal genau die Gegenstände dabei, die einem nicht unbedingt gefallen. Im Pausenmenü, welches wir jederzeit anschauen können, gibt es zudem alle Sammelobjekte zum Nachsehen. Diese können auch nach dem Einsammeln noch hilfreich für die Story und die Entscheidungen sein. So helfen die Totems eventuell dabei, dass ein Charakter überlebt oder man eine bestimmte Aktion im Spiel lieber sein lässt. Auch die Geheimnisse der beiden verschwundenen Schwestern können so besser zusammengesetzt werden.

Was hat diese dunkle Gasse voller Details nur auf sich?

Was hat diese dunkle Gasse voller Details nur auf sich?

 

Resident Evil lässt grüßen…

Allerdings ist nicht alles so ganz perfekt bei Until Dawn, wie es sich anhört. Denn die vielen Quicktime-Events bringen einen schon schnell ins Schwitzen, nach den ersten zwei oder drei Momenten kann man die Tastenreihenfolge bereits mitdrücken, noch bevor das Spiel diese überhaupt anzeigt. Das macht die Spannung leider in den Höhepunkten etwas kaputt und das Spiel somit zu einfach. Da hätten wir uns gerne etwas kompliziertere Quicktime-Events gewünscht, zumal das Touchpad nur zum Anschauen von Tagebüchern und Fotos genutzt wird. Immerhin fragt das Spiel vor dem Start, ob man lieber die Standardsteuerung oder die Bewegungssteuerung nutzen möchte. Insgesamt ist die Steuerung auch etwas hakelig und in vielen Momenten etwas störend. Until Dawn besitzt eine festgelegte Kameraführung, die wir nicht individuell drehen können. Bekannt ist dies von den älteren Resident Evil-Teilen, was schon damals für eine schlechte Steuerung sorgte. Denn sobald sich der Blickwinkel der Kamera ändert, müssen wir auch die Analogsticks in die entgegengesetzte Richtung drücken. Nervig! Auch, dass die Freunde-KI immer wieder im Weg steht und wir uns dann, ebenfalls zuschulden der Kamera, hinter einem Baum oder Gegenstand verlaufen. Die Idee, die Kameraführung dem Spiel zu überlassen, macht in solch einem Genre Sinn, um eventuellen Schockern nicht die Kraft aus den Segeln zu nehmen, allerdings muss dies auch wirklich funktionieren.

Dr. A. J. Hill steht uns nach jedem Kapitel zur Seite.

Dr. A. J. Hill steht uns nach jedem Kapitel zur Seite.

 

Motion Capture ist die Zukunft

Auch wenn die angewandte Kritik auf einem höheren Niveau ist, darf man sich umso mehr auf die geniale Grafik freuen. Es gibt aktuell keinen Titel, der die Gesichter und Gesichtszüge der Charaktere besser einfängt, als Until Dawn. Dank der Motion Capture-Technik sehen die digitalen Figuren den originalen Schauspielern täuschend echt aus.  Die gruselige und dunkle Optik in den Wäldern und in der Berghütte machen das Horrorfeeling perfekt. Nur so kann auch richtige Atmosphäre entstehen, die einem Selbst beim Zuschauen Angst macht. Dazu kommen ein genialer Sound und eine sehr gute deutsche Vertonung, die sich wirklich hören lässt. Jedem Charakter steht die jeweilige Situation auf der Stirn und genau so ist auch die Stimmlage. Passend zum Genre ist Until Dawn ein technisches Meisterwerk.

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Hayden Panettiere spielt Sam und sieht täuschend echt aus.

 

Fazit:

Ich hatte sehr große und viele Erwartungen an Until Dawn. Enttäuscht wurde ich nicht eine Sekunde. Genau so muss ein spielbarer Teenie-Horrorfilm sein. Hätte ich das Spiel nicht ausführlich testen sollen, würde ich die Geschichte allerdings nur einmal erleben wollen. Einfach aus dem Grund, dass ich meine ganz eigene Story mit dem Titel erleben möchte. Wie spannend ist es denn, wenn meine Freunde ein vollkommen anderes Ende erlebt haben, als ich. So ist die Diskussionsrunde viel interessanter, als wenn man das Spiel noch zehn Mal gespielt hat. Dies nur nebenbei, denn Until Dawn bietet einen so enorm hohen Wiederspielwert, dass man aus “kurzen” zehn Spielstunden auch mal eben 40-50 machen kann. Und wenn ein Spiel dies schafft, dann hat man in der Entwicklung alles richtig gemacht. Einzig das etwas zu einfache Gameplay und die sehr unpräzise Steuerung machen Until Dawn zwar zu einem sehr guten Spiel, was jeder PS4-Besitzer mal gesehen haben sollte. Ganz perfekt ist es aber auch nicht – was wäre aber, wenn Supermassive Games nun das erste Spiel mit einer 100% Wertung programmiert hätte…?

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Geschrieben von Tobias Liesenhoff
Chefredakteur für Games, Movies, Hardware seit Juni 2013.

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