Tod auf dem Nil

Kritik zur Krimi-Neuauflage

Die Verfilmungen der Agatha-Christie-Romane genießen unter Krimifans absoluten Kultstatus. Seien es die Abenteuer von Miss Marple oder von Hercule Poirot – wer auf mysteriöse Verbrechen steht, wir hier seit Jahrzehnten fündig. Wenn ein Thema einen großen Kultstatus genießt, ist es bekanntlich nur eine Frage der Zeit, bis es Remakes, Remaster oder sonstige neue Iterationen des bekannten Stoffs gibt. So ist es auch bei den Hercule Poirot-Filmen geschehen. Mit Mord im Orientexpress erschien 2017 eine Neuverfilmung des Christie-Romans. Die bis dato bekannteste Verfilmung erschien bereits 1974 und ist auch heute noch absolut sehenswert. Nun, fünf Jahre später, ist der Meisterdetektiv Poirot zurück und muss einen Todesfall auf dem Nil aufklären. Ob hier Spannung aufkommt oder die Story lieber im Wüstenstaub verborgen geblieben wäre, klären wir in unserer Kritik.

 

Die Story von Tod auf dem Nil

Die Story exakt wiederzugeben, wäre bei einem Film wie Tod auf ein derart massiver Spoiler, sodass wir uns an dieser Stelle recht kurzhalten wollen. Der Film beginnt mit einer kurzen Rückblende auf das Leben des jüngeren Hercule Poirot. Wir sehen ihn im ersten Weltkrieg und erfahren so nebenbei, wieso er einen derart auffälligen Bart trägt. Sprung nach vorne: Poirot macht Urlaub in Ägypten und trifft dort auf seinen Freund Bouc, den wir bereits aus dem Orientexpress kennen.

Bouc lädt ihn auf die Flitterwochenfeier von Mr. und Mrs. Doyle ein – gespielt von Gal Gadot und Armie Hammer. Mr. Doyle war vor seiner Eheschließung mit der frischen Mrs. Doyle, einst Ms. Ridgeway, mit einer Freundin von Ridgeway zusammen, Jacqueline de Bellefort. Die reist dem Paar als verbitterte Ex-Partnerin hinterher und lässt das junge Glück nie vergessen, dass bei ihr große Wunden zurückgeblieben sind. Um de Bellefort endgültig zu entkommen, chartern die Doyles einen Nil-Dampfer, auf dem sie gemeinsam mit einer kleinen Auswahl an Gästen über den ägyptischen Fluss schippern wollen. Doch auf einmal – wer hätte es beim Namen des Films erwartet – kommt es zu einem Todesfall auf dem Schiff und Hercule Poirot, der zufällig zur Gästeschar gehört, muss ermitteln. Kurioserweise gibt es einen kleinen Anschlussfehler zu Mord im Orientexpress: Am Ende wird Poirot nämlich nach Ägypten gerufen, um dort ein Verbrechen aufzuklären. Dieses Verbrechen passiert im neuen Film aber erst im Beisein vom Detektiv.

 

Unsere Kritik zu Tod auf dem Nil

Tod auf dem Nil ist mit zwei Stunden Laufzeit extrem lang. Wir würden fast sagen, mindestens eine halbe Stunde zu lang. Durch die glatte Laufzeit von eben zwei Stunden lässt sich der Film aber wunderbar halbieren, sodass wir in unserer Kritik ganz locker lässig erst auf die erste Stunde und dann auf die zweite Stunde zu sprechen kommen können. Nach der ersten Stunde (!) kommt es zum titelgebenden Tod auf den Nil und die Ermittlungsarbeit beginnt. Es wirkt teilweise so, als würden wir zwei völlig unterschiedliche Filme schauen, so sehr unterscheiden sich die erste und zweite Hälfte voneinander – auf allen Ebenen.

Akt Eins: Die hässliche Seite Ägyptens

Au weia, was ist da nur passiert? Die erste halbe Stunde von Tod auf dem Nil hat vor allem eine Aufgabe: Exposition, Exposition und nochmals Exposition. Wir lernen die zahlreichen Charaktere näher kennen, erfahren, wie die einzelnen Figuren zueinanderstehen, wer wen mag und wer welche Motive haben könnte. Zu diesem Zeitpunkt ist übrigens noch kein Mord geschehen und Nicht-Kenner des Urstoffs wissen nicht, wen das endgültige Schicksal trifft. Oder anders gesagt: Die erste Hälfte des Films ist extrem zäh und langatmig. Nun muss man zugeben, dass es schon wichtig ist, die Hintergründe der vielen Figuren zu kennen und überhaupt zu wissen, wer da mit auf dem Nilschiff reist. Das wäre bestimmt auch recht interessant, wenn wir uns nicht von Dialog zu Dialog hangeln würden. Wer auf lange Reden steht, wird sicherlich seine Freude haben, alle anderen riskieren vermutlich immer mal wieder einen Blick auf die Uhr. Doch die ausufernden Expositionen sind nicht das eigentliche Problem der ersten Hälfte.

Wo ist das Geld?

Mit 90 Millionen US-Dollar hatte Regisseur Kenneth Branagh nicht gerade wenig Geld zur Verfügung. Gerade in der ersten Hälfte des Films müssen wir uns aber schon hin und wieder fragen, wofür dieses Geld ausgegeben wurde. Für CGI-Effekte und gute Green-Screen-Technik kann es zumindest nicht gewesen sein. Gerade die Außenaufnahmen sehen teils derart grausig und billig aus, dass es wirklich störend ist. Alles wirkt viel zu clean und künstlich, überhaupt nicht organisch. In Ägypten wurde für den Film übrigens nicht gedreht. Ein Großteil entstand in Studios in London, einige Passagen wurden in Marokko realisiert. Perspektivische Fehler, billiges CGI, merkwürdige Animationen und amateurhafte Effekte lassen nicht nur die Illusion bröckeln, sondern zeigen vor allem, das weniger CGI manchmal doch mehr ist. Wie schön hätte der Film werden können, wenn man wirklich vor den Pyramiden gedreht hätte und nicht vor einen grünen Hintergrund. Zur Ehrenrettung muss man aber auch sagen, dass gerade Kostüm und Requisite extrem gut gelungen sind und die miese Optik im zweiten Teil nur noch wenig in Erscheinung tritt.

Akt Zwei: Mord und Totschlag

Während die erste Filmhälfte auf Exposition setzt, fokussiert sich die zweite Stunde auf die Stärken der Agatha-Christie-Werke: Detektivarbeit.
Ein Minispoiler sei an dieser Stelle erwähnt: Es bleibt natürlich nicht bei einem Todesfall. Und mit jedem Todesfall wird die Anzahl der potenziellen Täter natürlich kleiner, sodass wir immer mitraten können, wer es denn am Ende war. So ausführlich der Expositions-Teil war, so mager ist dann leider der eigentliche Krimi-Part. Poirot führt einige Gespräche, rennt von Deck zu Deck und denkt nach, während er in die Ferne schaut – das war’s im Prinzip an der Detektivfront. Hier wäre so viel mehr drin gewesen, gerade weil die Parts, in denen Poirot ermittelt, wirklich spannend sind. Wir fiebern und rätseln mit, verdächtigen im Laufe des Films nahezu jeden Charakter des Mordes. Hätte Branagh als Regisseur auf diese Passagen den Fokus gelegt, wäre Tod auf dem Nil ein ernsthafter Konkurrent für den überaus genialen Knives Out gewesen, dessen zweiter Teil auch noch dieses Jahr auf uns wartet.
Alles in allem ist die Rätsellei aber schlüssig, logisch und auch die finale Auflösung ist nachvollziehbar. Hier gehen die Lorbeeren aber in erster Linie an Agatha Christie und weniger an die Macher von Tod auf dem Nil. Gerade im Vergleich zur zähen ersten Hälfte ist die zweite Stunde vom Film aber eine klare Steigerung und zeigt, welches Potenzial die Krimis auch heute noch haben.

Alles solide, aber nicht mehr

Lässt man die miese Optik und die Zähe der ersten Hälfte mal links liegen, ist Tod auf dem Nil ein durchaus solider Krimi. Die Charaktere sind alle derart zwielichtig, dass bis zum Ende jeder der Täter sein kann. Die Musik ist extrem gut, die Optik im zweiten Part durchaus sehenswert. Kostüm und Requisite sind über jeden Zweifel erhaben und auch die schauspielerische Leistung des Casts ist mit wenigen Ausbrechern nach oben und unten als durchaus solide zu bewerten. Ihr merkt es vielleicht schon, aber Tod auf dem Nil ist alles in allem einfach solide – nicht mehr und nicht weniger. Gerade wenn man den Urfilm von 1978 kennt, fehlt hier vor allem eins: Herz und Atmosphäre. Natürlich stammt die Vorlage für Tod auf dem Nil aus einer völlig anderen Zeit und muss irgendwie ins 21. Jahrhundert transportiert werden. Doch gerade die billig wirkende und kühle erste Hälfte stinkt im Vergleich zu Tod auf dem Nil 1978 stark ab. Kenneth Branagh als Poirot macht jedoch so viel Spaß, dass wir uns bereits jetzt auf den angekündigten dritten Teil freuen. Ob dieser Teil dann eine Neuverfilmung von Das Böse unter der Sonne bleibt, wissen wir noch nicht – doch ein bisschen Krimi geht so oder so immer.

 

Informationen zu Tod auf dem Nil

  • Originaltitel: Death on the Nile
  • Laufzeit: ca. 128 Minuten
  • Kinostart: 10. Februar 2022
  • Altersfreigabe (FSK): ab 12 Jahren freigegeben
  • Besetzung: Gal Gadot, Kenneth Branagh, Armie Hammer

Trailer zu Tod auf dem Nil

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  • (C) Disney
    Fazit zu Tod auf dem Nil

    Ich bin ein riesiger Fan von Miss Marple, Poirot und Co. Filmisch war daher vor allem Knives Out ein absoluter Hammer für mich, den ich mir so auch bei Tod auf dem Nil erhofft habe. Glücklicherweise hatte ich die Story des Originalfilms schon wieder vergessen, sodass die Tätersuche auch Anno 2022 noch spannend war. Die zähe, hässliche erste Hälfte war jedoch im Vergleich zur zweiten Stunde so ein starker Downer, dass der Film für mich alles in allem nur solide war. Ich hoffe, dass Knives Out 2 da dieses Jahr mehr abliefert.

    Lukas Hesselmann, Redakteur

 

Lose Fortsetzung zu Mord im Orientexpress
Erste Filmhälfte schwach, zweite spannend und solide
Neuinterpretation der Agatha Christie Geschichte von 1937
Zweiter Fall für Kenneth Branaghs Poirot

Ab ins Kino?

Krimifans sollten auf jeden Fall ins Kino gehen, alle anderen warten auf die Heimkinoauswertung.

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Lukas Hesselmann
Geschrieben von Lukas Hesselmann
Redakteur im Bereich: Movies

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