Fragments of Him – Test zum toten Videospiel

Wie kann man den Tod eines geliebten Menschen am besten verkraften? Das holländische Team Sassybot hat sich dieser Frage gestellt und sie mit einem Videospiel ein wenig beantwortet. Wenig Gameplay ist bei Fragments of Him allerdings auch vorhanden, sodass der Abspann nach knapp zwei Stunden auch schon über den Bildschirm flackert. Doch konnte uns der Titel etwa nicht überzeugen? Wir haben uns die Xbox One-Version geschnappt und liefern jetzt unsere eigene Antwort.

 

Tragischer Unfall

Will führt ein normales und erfolgreiches Leben mit seinem Partner Harry. Jeder Tag beginnt gleich: er nimmt seine Sachen, verabschiedet sich von seinem Freund und geht zu seinem Auto. Eine kurze Fahrt mit dem alltäglichen Morgenverkehr in der Stadt zu seiner Arbeit ist Standard für ihn. Doch an diesem Morgen wird all dies durch einen tödlichen Unfall unterbrochen. Man hört es nur noch Krachen und Scheppern, bis das Bild schwarz wird. Plötzlich klingelt der Wecker und Will liegt wieder neben Harry im Bett. War etwa alles nur ein böser Traum oder ist es nur eine Erinnerung an die schöne Zeit mit ihm? Das Spiel erzählt ab diesem Zeitpunkt, was genau Will für ein toller Mensch war und welche Lücke er bei seinen Angehörigen hinterlässt. So wechseln wir in drei unterschiedliche Perspektiven seiner Freunde und Familie. Die Oma, den neuen Lebenspartner Harry und die Ex-Freundin Sarah lassen uns an Erinnerungen von Will teilhaben. Grundsätzlich lässt die Geschichte einen schon an das eigene Herz heran, allerdings muss man sich auch voll darauf einlassen. Wer also bei Liebesfilmen mit oder ohne Happy End nicht weint, der könnte auch bei Fragments of Him Schwierigkeiten bekommen, emotional angesprochen zu werden. Dies hängt allerdings komplett vom eigenen Geschmack ab und fließt deshalb auch nicht in die Wertung mit ein.

Weihnachten muss nun leider ohne Will gefeiert werden.

Weihnachten muss nun leider ohne Will gefeiert werden.

 

Harry-Rain… oder so ähnlich

Doch so traurig sich die Geschichte auch anhört, umso trauriger ist das eigentliche Gameplay. Denn außer den Geschichten stockartig zuzuhören und ab und an einen Klick mit der Taste A zu bestätigen, gibt es nicht zu erledigen. Ziel ist es einfach nur, den Erzählungen zu folgen. Um die entsprechende Szene fortzusetzen müssen bestimmte Objekte oder Personen angeklickt werden. Diese werden auch noch speziell in leuchtend angezeigt, sodass uns gar nichts anderes zum Klicken bleibt. Auch ist es egal, in welcher Reihenfolge diese angeklickt werden. Hier macht das Spiel einen entscheidenden Fehler, den beispielsweise ein Heavy Rain nicht begangen hat. Die Entwickler geben uns das Gefühl von Vielfalt und Entscheidung. Letzteres wird besonders bei den Dialogen klar, wo wir bestimmte Sätze zur Auswahl haben, die am Ende aber immer auf dasselbe Ziel hinauslaufen. Viel schlimmer ist aber die Wahl der Interaktion innerhalb der Erzählweise. Beispiel: Die Oma fängt an zu erzählen, wir müssen klicken, sie erzählt weiter, wir klicken, sie erzählt… Auch die generelle Bewegungsfreiheit ist klar definiert und kann nicht verändert werden. Genau dies sind die Punkte, die Fragments of Him spielerisch leider zerstören.

 

Ok gut, es hat doch was von tristen, kalten Abenden mit Regen…

Wer nun meint, es wurde nur am Gameplay gespart, den müssen wir leider auch im technischen Teil leider enttäuschen. Denn optisch wirken die Umgebungen detailarm, trist und kalt. Alles wurde in einem grauen unschönen Lock gehalten, der vielleicht zum Tod passt, aber nicht in ein Videospiel. Auch die Gesichter der Charaktere sind nur angedeutet und werden nicht komplett dargestellt. Es wirkt fast wie eine ungeladene Textur. Leider wurde auch auf sämtliche Mimik verzichtet. Immerhin machen die Sprecher eine starke Figur und versuchen so den Charakteren Leben einzuhauchen. Viele Momente würden durch vorhandene Mimik allerdings viel authentischer wirken. Dafür wurde wieder bei der Hintergrundmusik gespart. Hier gibt es nur ein Klavierstück, welches immer wieder gespielt und in den wichtigen Abschnitten dominierend eingesetzt wird. Eine deutsche Sprachausgabe suchen wir genauso wie deutsche Untertitel vergebens. Ladebildschirme sehen wir auch mehr als uns lieb ist, was ebenfalls zulasten der Erzählungen geht.

Die Spielwelt und Charaktere wirken frist, kalt und kommen ohne Mimik daher.

Die Spielwelt und Charaktere wirken frist, kalt und kommen ohne Mimik daher.

 

Fazit:

Richtig umgehauen hat Fragments of Him jetzt nicht unbedingt. Auch wenn Sassybot mal etwas eigenes Neues angestrebt hat, es fehlt an allen Ecken und Kanten der Feinschliff. Ein gutes Spiel muss mehr können, als den Spieler emotional zu packen. Da reichen auch keine guten Stimmen der Charaktere nicht, um über die sonst sehr triste Optik hinwegzuschauen. Klar, das Erscheinungsbild mag zur spielerischen Situation passen, trotzdem ist es im Gesamten einfach zu wenig. Auch die dauerhafte Anspielung auf nicht vorhandene Entscheidungen enttäuschen. Abwarten und auf den nächsten Sale oder Xbox Gold-Monat warten.

 

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Geschrieben von Tobias Liesenhoff
Chefredakteur für Games, Movies, Hardware seit Juni 2013.

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