Alice: Mein Leben als Escort

Kritik zur Komödie

Fans des europäischen und französischen Kinos, das für seine nüchterne-ironische Erzählweise bekannt ist, wird Joséphine Mackerras‘ Debutfilm Alice – Mein Leben als Escort sehr genießen, denn auf ergreifender Weise wird die Geschichte einer jungen Frau porträtiert, die authentisch ist – absurd, unglaubwürdig, weil die Realität abertausende Facetten hat, ironisch, bedrückend und triumphierend. Mit großem Gefühl berührt die Regisseurin subtil mehrere tiefverankerte Probleme in unserer Gesellschaft, die lieber im Geheimen verborgen bleiben möchten. Mit jeder Minute steigt beim Zugucken die Spannung! Um welches Thema es sich handelt, das die australische Regisseurin anspricht? Erfahrt es in dieser Kritik zur Komödie.

Die Story von Alice: Mein Leben als Escort

Alice, eine Mittdreißigerin, liebende Mutter eines Kindes und wunderbare Ehefrau eines erfolgreichen Geschäftsführers in Paris, wird vor einer Lebensprobe gestellt: Denn ihr belesener perfekter Ehemann lebt hinter ihrem Rücken eine andere Version seiner selbst, indem er mit Geld um sich schmeißt, zu Prostituierten geht, eine Alkoholsucht entwickelt, die Familie in finanzielle Not bringt und sie daraufhin verlässt. Alice wird mit der Situation plötzlich völlig allein konfrontiert. Als sie auf eigene Recherche hin erfährt, dass ihr Mann sein Vergnügen mit Escort-Damen hatte, folgt der Plottwist. Um schnell an bares Geld zu kommen, entscheidet sie sich, selbst Escort-Dame zu werden. Was sie nicht weiß, ist, sie begibt sich auf die größte Entdeckungsreise ihres Selbst – auf der sie sich und das Leben erfährt.

Unsere Kritik zu Alice: Mein Leben als Escort

Jepp, es ist kein einfaches Fass, das Joséphine Mackerras in ihrem Film öffnet. Der Inhaltsabriss lädt vielleicht nicht direkt zum Gucken ein, weil es augenmerklich scheinen mag, die Geschichte sei oft erzählt worden. Aber seid euch gewiss, es endet verhofft anders. Klar, auf der oberflächlichen Ebene geht es darum, wie sich eine Frau mit bezahltem Sex über Wasser hält. Aber genau darum geht es nicht, wenn unsere menschliche Heldin von heute auf morgen für den Ruin ihres Ehemannes geradestehen muss. Im Fokus steht nämlich ihre liebgewonnene Freiheit, die sie und die Zuschauenden glücklich mit ihr zelebrieren.

Alices Freiheit

Alice, die einer Version von Julia Roberts (bekannt aus Pretty Woman) ähnelt, macht eine Wandlung durch, die dem/der Zuschauenden nicht nur durch ihr Selbstbewusstsein auffällt, das sie immer mehr erlangt, sondern ebenfalls durch die verschiedene Kleidung und Schminke im Verlauf des Films. Noch anfangs sehr alltagstauglich gekleidet, und ungeschminkt, stylt sie sich später auch im Alltag modisch. Und verwendet natürliches Make-Up. Ein Hinweis, dass sie immer entschiedener wird. Schnell verfliegt das Bild des Mauerblümchens.

Die Kamera führt die Zuschauenden anfangs in ein perfektes Familienleben ein, in dem die Mutter Alice sich liebevoll um das Kind, Ehemann und Haus sorgt. Auch gemeinsame Freunde laden sie zu sich ein. Der belesene Ehemann rezitiert ein Liebesgedicht, um seine Liebe gegenüber Alice quasi-öffentlich zu bekunden. Zugegeben: Die Einführung ödet ein wenig wegen der langen liebevollen Dialogsequenzen und der immer ähnlichen Kameraeinstellungen. Diese Szenen hat man schon abermals oft genau so gesehen. Im Nachhinein können diese Anfangsszenen allerdings als ironischer Selbstverweis gelesen und als Kritik verstanden werden.

Wer argumentiert, dass sie sich als Escort-Dame auf einer ähnlichen Schiene einer auf-die-Zufriedenheit-des-Ehemanns-fixierte Hausfrau bewegt, weil auch sie nun als gemietete Stunden-Partnerin eventuell ein gewisses Rollenklischee reproduzieren könnte, und die Annahme verstärkt, Frauen seien im Pick-&-Collect-Style mit Geld einfach zu bekommen, tja, der irrt sich gewaltig. Als vermeintlicher Besitz ihres Ehemanns, behauptet sie sich gegen ihn und ihre Kunden. Denn, wie ihre Freundin sagt, hat sie, Alice, die Kontrolle über die Situation in jedem Moment. Und sie gibt selbstbestimmend die Richtung an. Stück für Stück wird sie zu dem Menschen, zu dem sie werden möchte.

Freiheit der Liebe

C’est la vie, so ist das Leben. Der Film gewährt Einblicke in die Arbeit einer Escort-Dame, die Émilie Pipponier wunderbar performt. Gleichzeitig zeigt der Film, wie einsam sich Menschen fühlen können. Primär muss es nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse gehen, die sich die Kunden käuflich erwerben. Alice hat durchaus Kunden, denen ihre simple Nähe oder das Ausgehen mit ihr völlig reichen, sie wollen Komplimente hören, sich im Großen und Ganzen bestätigt fühlen.

Die Bedenken, dass diese Bestätigung gekauft, und demnach nicht ehrlich sein könnten, die lässt Alice mit ihrer einfühlsamen Art schnell vergessen, indem sie sich schnell den verschiedenen Situationen und Kunden anpasst. Ihre Verwandlungskunst – die Teil ihres Jobs ist, und die sie ab sofort in ihrem Leben als Waffe anwendet –, lässt die Fassade der vermeintlich gestandenen, selbstbewussten männlichen Kunden brechen. Übrigens: Joséphine Mackerras und ihr Team führten zahlreiche Interviews mit Escort-Damen, um den Film realistisch zu halten.

Und sonst so?

Der Low-Budget- und Debutfilm, der sich zunehmend nur auf die Geschichte der Alice konzentriert, reißt Vieles an, was er aufgrund des Budgets wahrscheinlich nicht weiter in die Tiefe abbilden konnte. Doch umso eindrucksvoller sind diese Anrisse, die den Zuschauenden erlauben, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Dabei ist es erfrischend, eine andere Perspektive auf dieses brisante Thema zu erhalten: aus einer weiblichen, selbsttätigen, nüchternen, selbstbestimmten, selbstgewollten, die zu einem triumphalen Ende führt. Und nicht, wie üblich, zu einem katastrophalen.

Informationen zu Alice: Mein Leben als Escort

Trailer zu Alice: Mein Leben als Escort

Fazit:

Bleibt lange in Erinnerung
Gut eingesetzter Sarkasmus
Regt zum Nachdenken an
Tolles Ende, das ermutigt

Ab in die Filmsammlung?

Filmliebhaber*innen von Geschichten, die nah am Leben sind, werden von diesem Film berührt sein.

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Trainee im Bereich: Movies

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