Sega hat den Klassiker Crazy Taxi wiederbelebt und somit war ich gespannt, wie sich die Kultmarke nach all den Jahren gewandelt hat. Die Reihe feiert ihr 27-jähriges Jubiläum, und es ist das erste neue Spiel seit gefühlten Ewigkeiten. Nach der Ankündigung im Sommer gab es auf der gamescom jetzt die erste Gelegenheit, selbst Hand anzulegen.
Ein Level namens Deutschland
Der erste große Unterschied zum Original fällt sofort auf. Die Welt ist nicht mehr nur ein kleiner, abgeschlossener Rundkurs. Crazy Taxi: World Tour versteht sich als Open-World-Spiel, bei dem ihr euch frei in den Städten bewegen könnt. Auf der gamescom wurde ein neuer Schauplatz enthüllt, und der liegt ausgerechnet in Deutschland. Der Level startet auf einem riesigen Flughafengelände. Perfekt, um sich erstmal mit der Steuerung vertraut zu machen. Von dort aus geht es in fünf verschiedene Bereiche: Die Stadt, die Altstadt, die Berge und die Autobahn, die alles miteinander verbindet. Die Stadtviertel haben tatsächlich ein bisschen Deutschland-Flair, mit gotischer Kathedrale, buntem Marktplatz und Windrädern.
Was mir gut gefällt: Ich kann jederzeit in ein Menü gehen und die Tageszeit ändern, also Morgen, Nachmittag, Abend oder Nacht. Das sieht besonders in der Dämmerung oder bei Nacht richtig stimmungsvoll aus. Ob die Tageszeit Einfluss auf das Gameplay hat, zum Beispiel auf die Anzahl der Passagiere oder den Verkehr, konnte ich in der kurzen Demo nicht wirklich erkennen. Ich hoffe, dass das im fertigen Spiel noch nachgebessert wird. Nicht mehr verbessert wird sicherlich der Art Style. Während das Original noch sehr stilisiert war, ist World Tour eher eine Mixtur dessen und eines realistischen Looks. Den hätte es meiner Meinung nach aber für so ein Spiel gar nicht gebraucht.
Vertraut, aber anders
Beim Handling scheiden sich aber die Geister. Im Original hatte man eine simple Gangschaltung mit D für Vorwärts und R für Rückwärts. Das ist im UI zwar immer noch sichtbar, aber man schaltet nicht mehr manuell. Stattdessen fährt ihr einfach automatisch rückwärts, wenn ihr die Bremse gedrückt haltet. Das fühlt sich an wie in jedem anderen Rennspiel.
Die berühmten Crazy Boosts und Crazy Drifts sind jetzt auch nur noch ein Knopfdruck. Dazu kommt ein Nitro-Boost, den ihr aufladen müsst, indem ihr geschickt fahrt. Das ist erstmal gewöhnungsbedürftig. Fans des Originals könnten damit ihre Probleme haben, weil die Eigenheiten der Steuerung, die den Charme ausgemacht haben, verloren gegangen sind. Ich fand die neue Steuerung nach kurzer Eingewöhnung aber ganz angenehm. Das Fahren an sich macht Spaß, die Beschleunigung fühlt sich gut an, und enge Kurven oder Drifts lassen sich sauber hinlegen. Nur leider war das Geschwindigkeitsgefühl deutlich verhaltener. Gerade innerhalb der Drifts steuerte sich der Wagen deutlich langsamer, als noch im Original.
Keine Zeit mehr, aber dafür eine Story
Ein großer Einschnitt ist der berüchtigte Timer, der im Original für den stressigen Arcade-Charme gesorgt hat. Er ist nicht mehr allgegenwärtig. Ihr könnt jetzt gemütlich durch die Stadt cruisen, Passanten anquatschen und verschiedene Missionen annehmen, ohne dass ständig die Uhr tickt. Es gibt aber durchaus Missionen, bei denen ihr wieder gegen die Zeit fahren müsst, dann ist der alte Crazy-Taxi-Spirit wieder da.
Das Spiel hat sogar eine richtige Story-Kampagne. Ihr schlüpft in die Rolle von Protagonist Axel, der sein gestohlenes Auto von einer internationalen Diebesbande zurückholen muss. Unterwegs nehmt ihr Passagiere mit und erlebt verrückte Geschichten. Das ist ganz charmant, aber irgendwie vermisse ich die Einfachheit der alten Passagiere, bei denen man auf einen Blick wusste, was Sache ist, also die schwangere Frau, die ins Krankenhaus muss, oder der Pfarrer, der zur Kirche will. Dieses reduzierte, fast schon skurrile Konzept hatte einen eigenen Reiz.
Da fehlt der Kick…und die Entfernung von Generativer AI
Die ganz große Neuerung ist jedoch der Multiplayer. Crazy Taxi: World Tour bietet erstmals einen Online-Multiplayer für bis zu sechs Spieler. Es gibt verschiedene Modi, zum Beispiel einen Pickup Race, bei dem mehrere Spieler gleichzeitig Fahrgäste einsammeln und zum Ziel bringen. Wie genau das in der Praxis läuft, konnte ich in der Demo nicht ausgiebig testen, aber die Idee klingt vielversprechend. Ein geschlossener Netzwerktest ist für September 2026 geplant, um die Online-Stabilität zu prüfen.
Crazy Taxi: World Tour ist somit ein mutiger Neustart. Die Macher haben versucht, das kurze Arcade-Erlebnis in ein größeres, moderneres Spiel mit Kampagne und Multiplayer zu verwandeln. Optisch ist es okay, aber nicht umwerfend. Der Soundtrack mit den Klassikern von The Offspring ist aber wieder mit an Bord, was ein großes Plus ist.
Mein Problem ist, dass der ursprüngliche Charme ein Stück weit verloren geht. Die Vereinfachung der Steuerung, das Fehlen des ständigen Zeitdrucks und die aufgebauschte Story machen das Spiel zugänglicher, aber auch ein bisschen zahmer. Es fühlt sich nicht mehr ganz so crazy an. Trotzdem macht die Grundidee, in einer offenen Welt Passagiere durch den Verkehr zu rasen, nach wie vor Laune. Ich bin gespannt, wie sich der Multiplayer schlägt und ob die Entwickler die offenen Punkte bis zum Release 2027 noch ausbügeln können. Crazy Taxi: World Tour ist auf jeden Fall einen Blick wert, auch wenn es nicht mehr das alte Crazy Taxi ist. Der deutlich sichtbare Einsatz von generativer KI ist jedoch ein großer Minuspunkt. Auch in der Demo waren Texturen und Schriftzüge zu erkennen, die unnatürlich und typisch Ai wirkten. Das verschwindet hoffentlich noch. Oder SEGA?





