Es gab Zeiten, in denen man als Videospiel-Fan also nicht an der Marke „Halo“ vorbeikam. Es war das große Aushängeschild für Xbox und prägte zudem maßgeblich den Erfolg der Xbox 360. Mittlerweile sind die ersten Generationen groß geworden, die nahezu keinen Bezug zu Halo haben. Denn die Reihe befindet sich in einem schwierigen Zustand. Wie also da rauskommen? Im Zweifel geht man auf Nummer sicher! Das funktioniert ja bekanntermaßen am Besten mit Remakes. Gelingt so mit Halo: Campaign Evolved ein kleiner Befreiungsschlag?
Wachen Sie auf, Chief
Halo: Campaign Evolved ist die Neuauflage des allerersten Halo. Jedoch, wie der Name verrät, nur die Kampagne. Der Multiplayer fehlt nämlich. Das Remake orientiert sich dabei auch sehr nah am Original. Es soll eine modernisierte Reise in ein 25 Jahre altes Spiel sein. Ein Spiel, in dem man in die Haut des Master Chiefs springt. Ein Elite-Soldat, der für den Kampf geschaffen wurde. Und damit geht es auch, wie im Original, direkt los. Das Weltraumschiff, die Pillar of Autumn, wird von der Allianz attackiert. Somit bleibt dem Chief nicht viel Zeit und er muss direkt rein ins Geschehen, ohne groß über die Sachlage aufgeklärt zu werden. Aber da ist schon der erste Unterschied. Denn im Original wurde man tatsächlich aus dem Kryoschlaf geholt und mehr oder weniger in die Konfrontation geworfen. Halo: Campaign Evolved kommt mit mehr Zwischensequenzen daher und nimmt sich ein wenig mehr Zeit für Exposition. Ich mag das gar nicht als besser oder schlechter bewerten. Es sind zwei verschiedene Herangehensweisen. Mir persönlich gefällt der Ansatz, wie auch der Master Chief selbst in die Situation geworfen zu werden, einen Tick besser. Die etwas umfangreicheren Zwischensequenzen ziehen sich aber durch das Spiel. Die Inszenierung ist dabei wuchtig und sie verfolgen einen minimal anderen narrativen Ansatz. Dieser ist, wie gesagt, nicht besser oder schlechter. Er ist anders.
Nitro für sich entdeckt
Sobald man aber in die Haut des Chiefs schlüpft, kommen einige spielerische Änderungen zum Vorschein. Die, die mir zuerst aufgefallen ist: Der Master Chief ist sehr viel schneller! Das ist mir deswegen aufgefallen, weil ich wenige Tage zuvor das Original nochmal rausgekramt habe. Darin spielt sich unser Hühne zwar nicht langsam, aber im Remake ist er einfach echt schnell. Auch das ist mir nicht sonderlich negativ aufgefallen. Doch auch da tendiere ich mehr zum Original. Denn Halo 1 ist in seiner ganzen Struktur, trotz einiger weitläufigerer Areale, recht kompakt. Den Need darin noch schneller zu sein, sehe ich nicht so wirklich. In Halo: Infinite passt das Movement dagegen deutlich besser, da das ganze Spiel auch deutlich weitläufiger ist. Präzise spielt sich unser Held aber dennoch. Und das ist mir tatsächlich sehr positiv aufgefallen: Das Gunplay ist absolut on point! Das Waffenfeeling ist wuchtig genug, das Handling präzise, die Varianz der Waffentypen ist erneut schön ausgewogen. Und das ist so ziemlich eine der wichtigsten Nachrichten. Halo: Campaign Evolved fühlt sich sofort nach Halo an! Vielleicht riecht ihr es schon: Es liegt hier wieder ein „aber“ in der Luft.
Ist Halo: Campaign Evolved zu einfach?
Das Remake macht einige Dinge, die ich in der Bewertung erneut „anders“ finde, aber die mich auch nicht komplett stören. Dennoch tendiere ich auch da wieder eher zum Original. Zum Beispiel wurden die Medikits aus dem Original aufgegeben, zugunsten einer automatischen Heilung, wie man es von modernen Shootern kennt. Dadurch ist Halo: Campaign Evolved aber auch ein ganzes Stück leichter. Denn während ich im Original dann durchaus mal taktischer und defensiver kämpfen musste, neige ich im Remake mehr mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Denn das Spiel erfordert es nicht, dass ich so wirklich taktisch kämpfe. Kurz in Deckung gegangen und schwupps ist meine Lebensleiste und meine Schildleiste wieder voll, während ich im Original oft unter Strom gekämpft habe und die Level zudem auch gezielter nach Medipacks durchsucht habe.
Die einzige Gefahr im Spiel sind die One-Hits durch die Laserschwerter und insbesondere die Granaten der Grunts. Und Mamma Mia, die werden hier geworfen wie Süßigkeiten zu Karneval. Deutlich häufiger, als im Original, schmeißen die Grunts oft mehrere Granaten durch die Gegend. Das kann mitunter auch ein bisschen eindimensional sein, da es die einzige reele Gefahrenquelle ist. Die Kämpfe per se sind nämlich sehr einfach. Diese Änderung kann ich tatsächlich weniger nachvollziehen. Besser allerdings gefällt mir die Veränderung des Sturmgewehrs. Dieses fasst nun nur noch halb so viel Munition und somit werden die Kämpfe (in der Theorie) taktischer. Ich muss öfter abwägen, welche Gegner ich vielleicht zuerst angehe, um die nächste Waffe zu erbeuten oder ggf. sogar meine Munition wieder aufzustocken. Wären die Kämpfe nicht deutlich leichter, würde diese Änderung auch nochmal deutlich mehr Impact haben. Das tut es jedoch eigentlich nur auf den höchsten Schwierigkeitsgraden. Aber grundsätzlich ist das eine clevere Änderung!
Etwas kontroverser kann man zudem betrachten, dass die Gegneranimationen, als auch das Gegnerverhalten, zu großen Teilen aus Halo Reach kopiert wurde. Da kann man sich von einem Remake glaube ich, grundsätzlich schon mal ein wenig mehr erhoffen. Trotzdem hat mich das letztlich irgendwie gar nicht gestört. Denn dadurch wurde bei mir nochmal mehr auf die Nostalgietube gedrückt, einfach weil sie die Gegner so bewegt haben, wie man es eben kennt. Das kommt eben mit allen Stärken und Schwächen daher, aber bei mir sorgte es irgendwie für ein sehr vertrautes und nostalgisches Gefühl.
Da geht’s lang
Kommen wir aber noch zu einer weiteren Vereinfachung, die für meinen Geschmack einen Tick zu weit geht. Das erste Halo ist meist ein sehr lineares Spiel. Doch gerade so manche Gebäude sind in ihrem Aufbau manchmal etwas wie eine bekannte schwedische Möbelkette aufgebaut. Nicht selten musste ich mich ein wenig konzentrieren, wo ich bereits war und wo ich was finde. Die Anniversary hat dann teils (sehr) subtile Wegfindungen integriert, die es einfacher gemacht haben, die richtige Richtung einzuschlagen. Das Remake aber ist tatsächlich, als hätte ich Google Maps in Halo integriert. Das Spiel zeigt mir immer sofort meinen Weg an. In der Welt orientieren muss ich mich nun mehr zu keinem Zeitpunkt, da mich das Spiel vollständig an die Hand nimmt. In dem Ausmaß möchte ich jedoch gar durch das Spiel geführt werden. Es nimmt auch ein wenig den Drang sich mehr links und rechts umzuschauen. Das ist etwas schade.
Aber ich höre mich glaube ich auch etwas zu negativ an. Weil es eben auch Halo 1 ist, muss ich auch die Vorteile dessen mal hervorheben. Denn erneut begeistert mich die grundsätzliche Struktur des Spiels. Ob schneebedeckte Gebirge, dunkle Korridore oder saftig grüne Wiesen. Wie auch das Original bietet Halo: Campaign Evolved hier alle Stärken aus den Ursprüngen der Reihe und verfälscht sie nicht. Die Level-Struktur ist in weiten Teilen 1:1 identisch. Lediglich das Level, in dem man Guilty Spark folgt, wurde etwas abgeändert. Aber auch da: Das ist weder besser, noch schlechter. Es ist anders und macht genauso viel Spaß, wie im 25 Jahre alten Vorbild. Hinzu kommt da sogar noch, dass dieser Abschnitt durch den Einfluss der Flood noch etwas „dreckiger“ und atmosphärischer wirkt. Damit kommen wir aber auch zu einem streitbaren Thema.
Art Style vs Details
Das Remake kommt mit deutlich mehr Details und einer besseren Texturenqualität daher. Klar, wäre auch komisch, wenn nicht. Die Vegetation ist detaillierter und gerade die Böden in den Außenbereichen wirken erheblich plastischer. Und Leute: Das Wasser! Das sieht richtig klasse aus und da hab ich mich auch während des Gefechts erwischt, wie ich erstmal plantschen gegangen bin, um mich ein bisschen dem Anblick zu erfreuen. Ich oute mich dennoch nicht als Fan des Unreal Engine 5 Standard-Looks. Denn der moderne Drang, jedem Spiel diesen realistischeren Look aufzusetzen, lässt den Art Style etwas zu kurz kommen. So auch hier. Dabei fand ich den Halo-Art Style durchaus ansprechend und schön. Denn es macht das Spiel zu etwas eigenem und somit verleiht es auch optisch einen eigenen Charakter. Das äußert sich auch in der Belichtung. Während es hier und da Bereich gibt, die dadurch tatsächlich etwas dynamischer wirken, sind gerade die sonnenbeleuchteten Außenareale oft überbelichtet und damit farblich kaum abgestuft, während Innenbereiche oft übermäßig reflektieren und dadurch die Lasergeschosse teils wie eine Silvesterparty aussehen. Ich weiß, das wird sicherlich wenige stören. Im Gegenteil, ich glaube, dass viele das Leuchtfeuerwerk lieben. Für mich ist es an der Stelle too much und zu grell. Aber anhand des Bildmaterials erkennt ihr ja glaube ich für euch selbst auch ganz gut, ob das für euch ein positiver oder weniger positiver Aspekt. Aber: Während meines Walkthroughs lief das Spiel butterweich und auf gröbere Fehler bin ich nicht gestoßen.
Für mich unstrittig positiv ist aber die musikalische Untermalung. Die Epik des Halo-Soundtracks schägt hier mit voller Kraft zu und vermittelt Halo-Feeling pur. Auch hier hat man sich sehr stark am Original orientiert und steht dem somit in Nichts nach. Die musikalische Untermalung in Halo ist eines der größten Kunststücke in der Videospielgeschichte. Immer noch! Auch die Waffensounds, Explosionen und Fahrzeuge hören sich großartig an und auch der ikonische Sound des Schildaufladens ist erneut ein nostalgischer Traum. Könnte man von der deutschen Vertonung auch vermuten, da auch originale Sprecher wieder mit an Board sind. Doch gerade der Master Chief macht hier keine gute Figur. Während die Stimme im Original bewusst tiefer gehalten wurde, um dem genetisch veränderten Super-Soldaten seinen Charme zu verleihen, kommt hier eher die Alltagsstimme des Sprechers zum Einsatz. Das passt jedoch deutlich weniger und hat mir ein wenig den Flair genommen. Auch etwas nervig: Die Voice-Lines der Grunts wiederholen sich auffällig oft. Also…sehr oft.
Für wen ist dieses Remake eigentlich?
Es stellt sich die Frage, für wen Halo: Campaign Evolved eigentlich ist. Zunächst ist es eines für Microsoft. Denn Halo hat nicht mehr die einstige Magie und diese möchte man wiederherstellen, ohne dabei zu viel Risiko zu gehen. Selbst im schlechtesten Szenario dürfte man hiermit also nicht so wirklich auf die Nase fallen. Im zweiten Schritt will man offensichtlich Neulinge und Nostalgiker abholen. Letztere haben aber wahrscheinlich irgendwo den ersten Teil rumfliegen und/ oder die Master Chief Collection. Und dann hast du eigentlich alles was du brauchst, inklusive Multiplayer. Klar, das Remake hat 3 Bonus-Missionen. Aber hierfür 60 Euro ausgeben als einzig neuen Content?
Somit bleiben vor allem die Neulinge. Die, die noch gar keine Berührungspunkte hatten und keine Möglichkeiten haben, die Master Chief Collection zu spielen. Ich hätte mich jedoch mehr gefreut, hätte es die Master Chief Collection auf die PS5 stattdessen geschafft. Man hätte mehr Content, den Multiplayer und das alles zu einem niedrigeren Preis. Das wäre der Consumer-Move gewesen. So ist dieses Remake eigentlich nicht so wirklich notwendig, aber schön für diejenigen, die Fan moderner Grafik sind.
Fazit zu Halo: Campaign Evolved
Hier steht Halo drauf und da ist auch Halo drin. Das Remake orientiert sich sehr stark an seine Vorlage und das macht es auch recht gekonnt. Ich hatte nämlich wieder Spaß, mich durch die ikonischen Level zu schießen, das Gunplay zu genießen, mich vom Sound wegblasen zu lassen oder das ganze nostalgische Gefühl aufzusaugen. Campaign Evolved ist ein enorm konsequentes Remake und macht daher auch kaum etwas wirklich falsch, aber recht viel richtig. Trotzdem gibt es in der Summe so manche Dinge, die mich ein wenig stören. Das erhöhte Spieltempo sehe ich nicht als Bereicherung, das Spiel ist generell relativ einfach und aus irgendeinem Grund ist die einzige Herausforderung die große Flut an Granaten-Grunts. Außer auf den hohen Schwierigkeitsgraden. Zudem finde ich den Master Chief nicht so gut synchronisiert, der Art Style ist größtenteils verschwunden und der Multiplayer fehlt.
Wenn euch die genannten Punkte allerdings gar nicht so stören, bekommt ihr ein sehr kompetentes Remake eines Klassikers, der beweist, dass er auch im Jahr 2026 noch sehr viel Spaß macht, obwohl es in seiner Struktur ein starker Kontrast zu modernen Shootern ist. Halo: Campaign Evolved ist so ziemlich genau das, was draufsteht. Die kleinen Veränderungen sind nie K.-O.-Kriterien. Sie sind eher leichte Abwandlungen von Präferenzen, die bei jedem unterschiedlich ausgelegt sein können. Es ist ein gutes Remake eines großartigen Spiels, dessen Änderungen bei mir nicht so immer ganz zündeten, aber selten irgendwie den Spaß vermiesten. Gutes Ding! Nicht mehr und nicht weniger.
Positiv:
Negativ:
Online Multiplayer
Couch-Koop / Splitscreen
Mikrotransaktionen
Lootboxen
Onlinezwang
Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs
Ab in die Sammlung?
Wer die Master Chief Collection hat, ist damit perfekt bedient. Alle anderen können guten Gewissens zugreifen. Aber die Standard-Edition reicht vollkommen. Die Premium-Edition bietet nur Early Access und einige (ganz schön hässliche) Skins.






