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Test: Yoshi and the Mysterious Book – Wenn die Neugier wichtiger wird als der nächste Sprung ins Leere

Mario rettet Prinzessinnen, Donkey Kong räumt Hindernisse mit Muskelkraft aus dem Weg und Kirby verschlingt alles, was ihm vor die Nase kommt. Yoshi dagegen hatte schon immer seinen ganz eigenen Platz im Nintendo-Universum. Seine Abenteuer waren oft entspannter, verspielter und niedlicher als die seiner Kollegen. Mit Yoshi and the Mysterious Book wird dieser Weg nun fortgesetzt. Denn obwohl auf den ersten Blick vieles nach einem traditionellen Yoshi-Abenteuer aussieht, steckt unter der Haube etwas völlig anderes. Statt Sprungpassagen dreht sich diesmal alles um das Entdecken, Ausprobieren und Experimentieren. Das mag zunächst unspektakulär klingen, entwickelte sich aber zu einer guten Alternative. Wieso, das lest ihr nun in unserem Test.

 

Ein Buch voller vergessener Kreaturen

Die Geschichte beginnt mit dem geheimnisvollen Buch Mr. E (Encyclopedia), das auf Yoshis Insel landet. Doch es gibt ein Problem. Die Erinnerungen an die zahlreichen Kreaturen, die einst seine Seiten füllten, sind verschwunden. Um diese Wissenslücken wieder zu schließen, reisen die Yoshis in die noch vorhandenen bunten Kapitel des magischen Buches und machen sich daran, dessen Bewohner zu erforschen und Informationen zu sammeln. Begleitet wird diese Reise von Bowser Jr. und Kamek, die innerhalb der Buchwelt ebenfalls ihren eigenen Zielen nachgehen. Großes Storytelling fehlt also auch beim neusten Yoshi-Abenteuer wieder etwas. Zwar gibt es hier und da einige charmante Momente, doch die Geschichte bleibt über weite Strecken im Hintergrund.

Das ist grundsätzlich auch nicht schlimm, denn schon nach kurzer Zeit wird deutlich, dass Yoshi and the Mysterious Book nicht mit dramatischen Wendungen oder einer komplexen Erzählung fesseln möchte. Die eigentliche Motivation entsteht in diesem Spiel ganz anders. Denn obwohl man normalerweise ein klares Ziel verfolgt und von Level zu Level springt, erreicht man den Levelausgang durch das Entdecken der einzelnen Werte in der Welt. Es sind nicht die einfachen Sprungpassagen, an dessen Ende ein Bosskampf wartet. Stattdessen gilt es, dem Buch wieder Leben einzuhauchen.

Dadurch fühlt sich in Yoshi and the Mysterious Book das Gameplay deutlich offener an. Jedes Kapitel stellt dabei eine eigene kleine Spielwiese in Form einer abgespeckten Hubwelt dar, die mit unterschiedlichen Umgebungen und von unterschiedlichsten Kreaturen bevölkert werden. Anstatt diese als Gegner zu betrachten, werden sie zu Forschungsobjekten. Yoshi beobachtet sie, interagiert mit ihnen und versucht herauszufinden, wie sie auf ihre Umgebung reagieren. Dabei beginnt alles erstaunlich simpel.

Die ersten Minuten verbringt man oft damit, die offensichtlichsten Dinge innerhalb der Welt auszuprobieren. Dabei stellen sich diverse Fragen: Lässt sich die Kreatur tragen? Reagiert sie auf Früchte? Was passiert, wenn man sie mit einer anderen Spezies zusammenbringt? Frisst sie vielleicht sogar eine scharfe Chili? Genau hier entfaltet das Spiel seine größte Stärke. Aus einer scheinbar simplen Interaktion entwickelt sich oft eine ganze Kette neuer Möglichkeiten. Plötzlich verändert sich die Umgebung, neue Wege werden sichtbar oder andere Kreaturen reagieren auf das Geschehen. Das führt dazu, dass man ständig neue Ideen ausprobieren möchte. Dabei werden diese erstaunlich oft auch tatsächlich belohnt, was den Sinn und die Motivation deutlich erhöht.

 

Die Freude am Experimentieren stehlen Yoshi die Show

Die Entwickler schaffen es immer wieder, kleine Überraschungen in Yoshi and the Mysterious Book einzubauen, die das Entdecken belohnen. Mal führt eine scheinbar harmlose Interaktion zu einem völlig neuen Bereich, mal entsteht eine unerwartete Aktion, die die komplette Situation verändert. Besonders interessant ist dabei die enorme Vielfalt der Kreaturen. Immer wieder tauchen neue Wesen auf, die eigene Fähigkeiten und Mechaniken mitbringen. Selbst nach mehreren Stunden hatte ich nur selten das Gefühl, dass sich Ideen wiederholen oder das Spiel seine Kreativität verliert. Gerade deshalb funktioniert das Grundprinzip deutlich besser, als man zunächst vermuten würde.

So beliebt und süß der grüne Dino auch sein mag, die eigentlichen Stars des Spiels sind die Bewohner der Buchwelt. Fast jede neue Kreatur bringt irgendeine Besonderheit mit, die sie von den anderen unterscheidet. Manche helfen beim Erreichen höher gelegener Bereiche, andere verändern ihre Umgebung oder reagieren auf bestimmte Gegenstände. Einige Wesen beeinflussen sogar andere Kreaturen. Statt wenige Grundmechaniken immer wieder leicht zu verändern, überrascht das Spiel regelmäßig mit frischen Ideen. Dadurch entsteht ständig das Gefühl, dass hinter der nächsten Seite des Buches noch etwas Neues wartet. Das Besondere daran ist zudem, dass sowohl das Leveldesign als auch die Charaktere stets auf einem sehr abwechslungsreichen Niveau stehen.

Hinzu kommt ein charmantes Detail, welches ich beim Spielen immer wieder nett fand. Viele Kreaturen dürfen vom Spieler selbst benannt werden. Das mag zunächst wie eine kleine Spielerei wirken, trägt aber erstaunlich viel zur Atmosphäre bei. Irgendwann spricht man nicht mehr von irgendeinem Blumenwesen, sondern von dem kleinen Kerl, dem man vor drei Stunden quasi selbst erschaffen hat. Genau solche Momente verleihen dem Spiel Persönlichkeit und lassen auch im jungen Alter so manche Fantasie freien Lauf.

 

Entspannt wie kaum ein anderes Nintendo-Spiel

Ein besonders interessanter und spielerisch neuer Ansatz findet beim Mysterious Book zum ersten Mal Einzug in die Yoshi-Welt. Dabei steht der Erkundungsdrang erneut im Vordergrund, denn eine klassische Lebensanzeige fehlt im neusten Abenteuer komplett. Die Entwickler setzen bewusst darauf, die Welt zu erkunden und dabei nicht bestraft zu werden. Denn selbst Fehler werden nur selten wirklich bewertet. Dies merkt man vor allem daran, falls Yoshi mal getroffen wird. Denn dann setzt das Spiel ihn meist nur wenige Meter zurück und lässt ihn direkt weitermachen. In vielen anderen Spielen würden wir diesen Ansatz vermutlich etwas mehr ins Gewicht nehmen, hier funktioniert er aber überraschend gut. Da der Fokus sehr stark auf dem Experimentieren liegt, wäre eine harte Bestrafung für den Spielfluss eher hinderlich. Stattdessen entsteht eine entspannte Atmosphäre, die hervorragend zum Gesamtkonzept passt.

So charmant und kreativ das Abenteuer insgesamt auch ausfällt, ganz perfekt gelungen ist es Nintendo am Ende aber nicht. Die größte Schwäche des Spiels offenbart sich erst nach einigen Stunden des Spielens. Solange die Neugier auf neue Kreaturen und dem Entdecken der Umgebungen anhält, bleibt Mysterious Book ein bemerkenswertes und liebevoll gestaltetes Abenteuer. Irgendwann stellt sich allerdings die Frage, ob dies allein als Motivation ausreicht. Die Geschichte liefert kaum zusätzliche Anreize und auch die Belohnungen für besonders gründliche Spieler fallen eher überschaubar aus.

Dadurch kann es schnell passieren, dass das Interesse verloren wird. Hinzu kommt, dass nicht jede Idee wirklich gelungen ist. Einige Level sind sehr kreativ umgesetzt, während andere wieder weniger inspiriert wirken. Dies spiegelt sich auch in einigen Mechaniken wieder, die sich zudem über das gesamte Spiel wiederholen und somit den Reiz schneller verlieren als andere. Zum Glück stehen solche Ausreißer allerdings nicht an der Tagesordnung. Die meisten Kapitel überzeugen durch ihre Kreativität und sorgen auch gerne für kleine Überraschungen. Dennoch muss man sich bewusst sein, dass dieses Spiel eben auf das Erkunden und Erleben der einzelnen Welten und Level setzt.

Nintendo hätte problemlos einen weiteren klassischen Yoshi-Plattformer entwickeln können. Stattdessen entstand ein Abenteuer, das sich deutlich stärker auf Entdeckung und Interaktion konzentriert. Nicht jede Entscheidung wird dabei den Fans gefallen. Wer vor allem Herausforderung, Geschwindigkeit oder schnelles Plattforming sucht, dürfte hier kaum glücklich werden. Wer sich jedoch auf das Konzept einlässt, findet eine charmante Spielwelt voller kreativer Ideen und sympathischer Bewohner. Vielleicht ist Yoshi and the Mysterious Book deshalb weniger ein klassischer Plattformer als vielmehr eine Entdeckungsreise.

 

Auch technisch ein tolles mysteriöses Buch

Optisch gehört Yoshi and the Mysterious Book ohne Zweifel zu den schönsten Spielen, die aktuell auf der Nintendo Switch 2 verfügbar sind. Die gesamte Präsentation erinnert an ein liebevoll illustriertes Kinderbuch. Die Hintergründe wirken wie mit Wasserfarben gemalt, während viele Figuren aussehen, als wären sie direkt aus den Seiten eines Bastelbuchs ausgeschnitten worden. Dazu kommen zahlreiche kleine Animationen und Effekte, die der Welt einen fast handgemachten Charakter verleihen. Besonders die Stop-Motion-inspirierten Bewegungen sorgen dafür, dass sich das Spiel von vielen bisherigen Nintendo-Titeln abhebt. Alles wirkt bewusst verspielt und dabei auch leicht unperfekt.

Auch die Vielfalt der Umgebungen trägt viel zur Atmosphäre bei. Jedes neue Kapitel besitzt seine eigene Identität und sorgt dafür, dass man immer wieder etwas Neues zu sehen bekommt. Dadurch bleibt die Welt über die gesamte Spielzeit hinweg frisch und abwechslungsreich. Technisch gab es während meines Tests ebenfalls keine großen Hindernisse. Sowohl im Handheld-Modus als auch über das Dock lief das Abenteuer stabil und überzeugte mit einer sauberen Darstellung.

Fazit zu Yoshi and the Mysterious Book

Ausprobieren kann sich durchaus lohnen

Yoshi and the Mysterious Book verzichtet bewusst auf viele Elemente, die klassische Plattformer normalerweise mitbringen. Statt auf Sprungeinlagen, spielerische Herausforderungen und Story-Elemente zu setzen, stehen im neusten Abenteuer diesmal Neugier, Kreativität und Entdeckerfreude im Mittelpunkt. Das Ergebnis ist ein ungewöhnliches, aber gleichzeitig unglaublich charmantes Abenteuer, das mit seiner wunderschönen Bilderbuch-Optik und den zahlreichen kreativen Ideen lange in Erinnerung bleibt. Es wirkt fast so als würde Nintendo wirklich mal etwas Neues ausprobieren.

Nicht jede Mechanik funktioniert perfekt und die recht einfache Handlung sorgt dafür, dass die Motivation gegen Ende etwas nachlassen kann, sofern man sich dann doch mehr Gameplay erhofft. Dennoch wirkt alles sehr nach etwas Neuem, was man von Nintendo in letzter Zeit wenig gewohnt ist. Wer sich auf das entschleunigte Konzept einlässt, bekommt eines der sympathischsten und kreativsten Yoshi-Spiele der vergangenen Jahre exklusiv für die Nintendo Switch 2.

Tobias Liesenhoff (Chefredakteur)

Positiv:

Wunderschöne Bilderbuch-Optik mit viel Liebe zum Detail
Kreative und abwechslungsreiche Kreaturen
Zahlreiche überraschende Interaktionen und Entdeckungen
Entspannte Spielatmosphäre ohne Frust
Gelungene Mischung aus Zugänglichkeit und Entdeckerfreude
Viele originelle Ideen bis zum Spielende

Negativ:

Nicht jede Spielmechanik zündet gleichermaßen
Langzeitmotivation hängt stark von der eigenen Neugier ab
Kaum echte Herausforderung und eine generell dünne Geschichte

Online Multiplayer

Couch-Koop / Splitscreen

Mikrotransaktionen

Lootboxen

Onlinezwang

Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs

Ab in die Sammlung?

Für alle Yoshi-Fans und diejenigen, die lieber neugierig experimentieren als sich durch knallharte Plattforming-Herausforderungen zu kämpfen.

Tobias
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