Als Piranha Bytes im Jahre 2024 dichtmachen musste, war man als Gothic-Fan erster Stunde schon sehr traurig. Doch man blickte mit Spannung in die Zukunft, was denn die Entwickler mit eigenen Projekten auf die Beine stellen. Björn und Jenny Pankratz zum Beispiel, die das Indiestudio Pithead Studios gründeten und nun Cralon veröffentlicht haben, einen Dungeon Crawler mit sogenannter Ruhrpott-Fantasy. Das Endresultat ist jedoch gründlich in die Hose gegangen, denn soviel kann ich schon sagen: In meinem Test habe ich leider kaum positive Worte für dieses Spiel übrig.
Es braucht eine Menge Mut, um Cralon zu spielen
Ehemalige Mitarbeiter von Björn Pankratz berichten öfter in Podcasts und Livestreams, mit welcher Herangehensweise er an seine Arbeit ging. Vieles wurde, entgegen lauter Stimmen, in die eigene Hand genommen, andere Vorschläge oft ignoriert oder abgewunken. Die grausig erzählte Hauptstory von Elex 2 ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn er im Alleingang Geschichten schreibt. Cralon untermauert diese Behauptungen nur noch weiter mit einer so dermaßen schlecht erzählten Geschichte, bei der es sich Pankratz auch nicht nehmen ließ, den Protagonisten trotz mangelnder Kompetenzen selbst zu vertonen. Es sind zwar einige sehr gute Sprecher*innen im Spiel vorhanden, die gruselig geschriebenen Dialoge können sie aber trotzdem nicht retten.
Die Geschichte ist also plump, schlecht erzählt und der krasse Plottwist, der uns am Ende des Spiels verraten wird, ist so dermaßen offensichtlich und blöde, dass einem echt die Worte fehlen. Wir spielen als Cralon, der Mutige, ein starker Krieger, dessen erste Aktion in der Geschichte die Flucht vor einem Dämonen ist. Dieser wirft ihn in einen tiefen Schacht, aus welchem er nun versucht zu entkommen. Dabei trifft er auf kleine Wesen mit grünen Augen, hört eine Stimme in seinem Kopf und bekämpft Ratten und geflügelte Monster. Die Dialoge ziehen sich unnötig in die Länge, machen oft keinen Sinn wenn man sie in der falschen Reihenfolge anklickt und dass die NPCs nach jedem Dialog einen Standardsatz wiederholen geht gehörig auf die Nerven. Sachen werden ständig wiederholt, wie etwa dass die unterste Ebene „Orkus“ heißt oder dass jemand sehr mutig sein muss, etwas zu tun. Gepaart mit den absolut grausigen Synchronsprecherfähigkeiten von Björn Pankratz, der als Cralon immer wieder Mumpitz vor sich hin redet, ist die Darstellung der Geschichte einfach nicht mitreißend oder in irgendeinem Aspekt spannend. Und das soll kein Angriff auf Pankratz sein, er ist nun mal kein ausgebildeter Sprecher und wenn man Stimmen wie den legendären Bodo Henkel mit am Start hat, dann kann man dagegen als Laie nur abstinken. Dem Protagonisten einen professionellen Sprecher zu geben wäre wirklich das Mindeste gewesen.

Der Schachte bietet durchaus atmosphärische Orte, so ist es ja nicht. | Bild: 2026 © Pithead Studios
Geh dorthin, hebe das auf, geh wieder zurück
Gut, dann hat Cralon halt eine schlechte Story und schlechte Dialoge, wenn das Gameplay selbst wenigstens interessant ist, dann kann man doch darüber hinwegsehen. Ich habe schlechte Nachrichten für euch, auch an dieser Front sieht es nicht viel besser aus. Zugegeben stimmt die Atmosphäre des Schachts zu Beginn des Spiels. Düstere Beleuchtung, gedrückte Stimmung, Items zum Ansehen und Mitnehmen. Okay, das „Mitnehmen“ stimmt nur bedingt, denn außer Sachen wie Tränken, Kohle und Craftingmaterialien können wir andere Gegenstände nur untersuchen, aber nichts mit ihnen anfangen. In manch einem Eimer oder Hut liegt vielleicht ein Stück Kohle, das war es aber auch schon. Das also die immergleichen Assets verwendet werden, um irgendwelche nutzlosen Gegenstände in der Spielwelt zu verteilen, fällt nach bereits kurzer Spielzeit extrem auf. Warum kann ich diese Gegenstände nicht zum Beispiel mitnehmen und bei einem Händler gegen Kohle eintauschen? Dann könnte ich mir wenigstens die extrem teuren Rüstungsteile leisten. Diese Objekte erfüllen aber keinen Zweck und sie liegen wirklich überall.
Gut, Cralon ist ein Dungeon Crawler und will eigentlich davon leben, die Dungeons zu erkunden. Doch abseits davon, dass einige Biome im Schacht nicht schlecht aussehen und die Grundidee etwa eines unterirdischen Waldes nett ist, wenn man in dieser Spielwelt nichts Aufregendes macht, dann macht die Welt auch keinen Sinn. Es gibt keine Rätsel in Cralon, zumindest nicht wirklich. Es gibt ein paar Schatzkarten, aber die Geheimgänge können auch problemlos ohne gefunden werden.
Zudem spielt der Mut eine große Rolle, oder zumindest sollte er das. Es gibt eine Mut-Anzeige, die sinkt wenn man an gruseligen Orten ist, wie etwa bei bestimmten Statuen oder Gegnern. Sinkt diese Anzeige, so soll die Kraft von Cralon schwinden. Wirklich bemerkbar macht sich das kaum, da die Kämpfe nicht besonders gut sind, dazu gleich mehr. Jedenfalls könnt ihr euren Mut wieder mit Tränken oder an hellen Orten wieder auffüllen. Ein weiteres Gameplay-Element, welches nicht gut durchdacht wurde.
Ansonsten befolgt man nur die Aufgaben der NPCs, die alle, und ich meine ALLE, nach dem gleichen Schema ablaufen. Geh an diesen Ort, finde oder untersuche einen Gegenstand, erstatte mir im Anschluss Bericht. Das ist die Queststruktur des gesamten Spiels und sie ist so unfassbar langweilig. Für eine Quest sollen wir etwa drei Tatorte untersuchen, an denen Verbrechen geschehen sind. Wir gehen also dorthin, heben zum Beispiel eine Rolle Klebeband auf und Cralon schließt dann daraus, mit seinem eigenen Monolog natürlich, dass der Mörder in Richtung Norden geflohen ist. Das Writing dieser Quests ist wirklich übel und wenn man dann noch Backtracking mit in den Topf wirft, werden Aufgaben zur Qual.
Vielleicht das schlechteste Kampfsystem 2026, wenn nicht sogar aller Zeiten
Okay, es gibt also keine Rätsel und die Quests sind nicht unterhaltsam, wie sieht es dann mit der Action aus? Sind wenigstens die Kämpfe in Cralon spannend und mitreißend? Ihr könnt euch die Antwort vielleicht schon denken, doch glaubt mir, es ist noch viel schlimmer als ihr denkt. Das Kampfsystem von Cralon ist direkt auf meine Liste der schlechtesten Kampfsysteme aller Zeiten platziert worden. Es gibt einige Nahkampfwaffen und eine Armbrust, Letztere funktioniert sogar einigermaßen gut. Doch es ist der Nahkampf, der zum wahren Krampf ausartet. Es gibt kaum Trefferfeedback, Gegner teleportieren sich manchmal einfach einen Schritt zurück oder drehen sich schlagartig ohne Animation um, wenn ihr hinter ihnen steht. Sie treffen euch immer und ziehen euch meistens die Hälfte eurer Lebensenergie mit einem Schlag ab, während eure Angriffe fast nie treffen. Gefühlt gehen vier von fünf Schlägen ins Leere, obwohl meine Waffe den Gegner eigentlich treffen müsste. Doch das alles ist kein Problem, denn die Gegner sind strunzdumm und leicht auszutricksen, denn sie haben wirklich ALLE das gleiche Angriffsmuster. Damit meine ich, dass sie stumpf gerade auf Cralon zulaufen. Es gibt im Spiel ohnehin nur fünf Gegnertypen, zwar mit unterschiedlichen Varianten, aber ich würde jetzt eine Ratte, eine fette Ratte und eine Feuerratte nicht als drei verschiedene Gegner klassifizieren.
Dass das Kampfsystem so dermaßen in Scherben liegt ist vor allem sehr schade, da wenigstens mit den Waffen, die ihr findet, ein wenig Progression im Spiel vorhanden ist. Ihr könnt mit Bauplänen sogar bessere Versionen basteln und ein Feuerhammer, der eine Explosion auslöst, oder ein Baseballschläger mit Nägeln ist schon etwas Tolles. Es fühlt sich tatsächlich gut an, statt einer Waffe mit 7 Schaden plötzlich 27 Schaden auszuteilen. Doch dann kommen stärkere Ratten, die mehr einstecken und euch durch das glitchige Kampfsystem mal wieder töten, ohne dass ihr mitbekommen habt, wie sie das angestellt haben. Das Kämpfen in Cralon ist clunky, glitchig und vor allem enorm frustrierend.

Das Kämpfen in Cralon ist wohl der schlechteste Aspekt des Spiels, und das will was heißen. | Bild: 2026 © Pithead Studios
Die Liste von Cralons Problemen ist länger als die Wunschliste beim Weihnachtsmann
Es fühlt sich fast ein wenig unfair an, so unbarmherzig auf das Spiel einzuprügeln, doch ich finde es wichtig, so viele von Cralons Problemen sichtbar zu machen, wie es nur geht. Denn das Spiel kostet 20 € und das ist absurd. Also, neben den bereits erwähnten Schwächen kommen einige Sachen dazu. Da wäre zum Beispiel das UI, welches die standardmäßige und sehr hässliche Schriftart der Unreal Enginge verwendet. Doch dabei hört es nicht auf, auch das Inventar, der Crafting-Bildschirm und die Dialogfenster wirken hässlich und deplatziert. Deplatziert ist das richtige Stichwort, denn so viele Assets wirken so, als wären sich einfach ohne Hintergedanken in den Levels platziert worden. Gras schwebt in der Luft, Kanten von platzierten Treppen sind sichtbar und von den tausenden immergleichen Gegenständen erzählte ich euch ja bereits. Mit dabei sind auch Truhen, von denen alle gleich aussehen, sich aber nur manche von ihnen öffnen lassen.
Wenn man Cralon nach und nach auseinander bröselt, dann entsteht der Schluss, dass Vieles einfach unüberlegt wirkt. Warum gibt es im Spiel überhaupt Heiltränke, die euch 200 oder 400 Lebenspunkte bringen, wenn ihr am Ende des Spiels nach vielen Level Ups nicht mal die 100 geknackt habt? Warum kann ich beim Händler nichts verkaufen? Warum gehen manche NPCs auf Sachen ein, die ich schon erledigt habe, muss aber bei anderen erst einen Questtrigger auslösen? Warum komme ich nach dem Ableben direkt ins Hauptmenü und muss von dort neu laden, anstatt einfach das Spiel vom letzten Speicherpunkt fortsetzen zu können? Warum sind die Ladezeiten so lang? Warum laufen etliche NPCs an einer Stelle. Warum werden in den Dialogen PNGs von den NPCs eingeblendet, die immer wieder die Seite wechseln? Warum kann ich Nahkampfwaffen und die Armbrust nicht auf Schnellauswahltasten legen, sondern muss sie im Inventar wechseln? Warum wirken die Texte aus den Schreiben, die wir im Spiel finden, einfach nur so, als wären hier Wikipedia-Artikel über den Bergbau eingefügt worden? Ich könnte noch eine Weile so weiter machen und vielleicht noch erwähnen, dass das Spiel mehrmals abstürzte und auch sonst einige technische Fehler aufgetaucht sind, aber ich denke, ich habe meinen Punkt gut klargestellt.
Fazit zu Cralon
Cralon ist, das muss ich leider mit voller Härte so sagen, ein sehr schlechtes Videospiel. Es hat einige gute Sprecher*innen, die Atmosphäre und das Setting ist teilweise interessant genug und der Fortschritt mit den Verbesserungen der Waffen ist zumindest im Konzept vorhanden. Da hört es dann mit den wenigen positiven Aspekten auch schon auf, der Rest des Spiels ist eine absolute Katastrophe. Eine schlechte Story, technisch unter aller Kanone, eines der schlechtesten Kampfsysteme, die ich je erlebt habe und noch so viele Makel mehr entziehen diesem Titel wirklich jeden Funken Spielspaß. Ich hoffe, das Ehepaar Pankratz nimmt sich die Kritik zu Herzen, um vielleicht bei künftigen Projekten zu lernen und ein besseres Produkt auf den Markt zu bringen. Dafür drücke ich die Daumen, doch das hier ist leider ein Debakel geworden.
Positiv:
Negativ:
Online Multiplayer
Couch-Koop / Splitscreen
Mikrotransaktionen
Lootboxen
Onlinezwang
Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs
Ab in die Sammlung?
Ich kann nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dieses Spiel irgendjemandem zu empfehlen, besonders nicht mit einem Preisschild von 20 €, das wirkt wie eine Abzocke. Finger weg.


