Atomic Heart wirft dich in eine ungewöhnliche, alternative Zukunftsvision, in der Technik, Roboter und eine andere Weltordnung den Alltag bestimmen. Nach langer Entwicklungszeit ist der Shooter bereits 2023 erschienen, jetzt aber in der Gold Edition. Wir haben uns erneut in das Spiel gestürzt und Atomic Heart genau unter die Lupe genommen. Am Ende geben wir euch zudem einen kurzen Überblick über den neusten DLC Blood on Crystal. Ob es sich lohnt, in die alternative Version der Sowjetunion zu reisen, erfahrt ihr in unserem Test.
Das Jahr 1955 neu gedacht
In einer alternativen Welt, ist die Sowjetunion die führende Weltmacht und Roboter erleichtern einem das alltägliche Leben. Eine künstliche Intelligenz soll die Welt noch einfacher machen und die Schnittstelle zwischen Mensch und Roboter schaffen. Das alles klingt erstmal nicht besonders aufregend.
Professor Doktor Dimitri Sergejewitsch Setschenow ist der Miterfinder dieser einzigartigen Welt. Bereits Jahre zuvor entwickelte er das Kollektiv 1.0, welches für die eben genannte Welt geschaffen wurde. Roboter vereinigten sich dabei in einem kontrollierten Netzwerk. Die Roboter waren so in der Lage, ganze Städte zu errichten, die Logistik zu revolutionieren und halfen Menschen auch bei allem anderen. Dieses riesige Projekt lief unter dem etwas sperrigen Namen “Anlage 3826”.
Eben dort entdeckte Professor Setschenow auch die einzigartigen Fähigkeiten von Polymeren. Diese können sich im Menschen verwurzeln und eine Symbiose mit ihnen eingehen. Durch diese Möglichkeit kann der Nutzer selbst Teil des Kollektiv 1.0 werden und die Roboter mittels Gedanken steuern. Nach einigen Jahren der Tests begann die Regierung mit der systematischen Polymerisation der Bevölkerung der UdSSR. Jedoch geht bei der Einführung des Neuronalen Netzwerks Kollektivs 2.0 einiges schief.
Der Ursache auf der Spur
Als Spielender schlüpft ihr in die Rolle des Regierungsagenten Sergei Alexejewitsch Netschajew, oder auch kurz P-3. Im Range eines Majors habt ihr schon viele Schlachten hinter euch und habt die Abgründe der Menschheit gesehen und erlebt. Auch deshalb ist Dr. Setschenow ein alter Bekannter. Denn dieser rettete euch schon das ein oder andere Mal das Leben auf dem Operationstisch. Auch deshalb ist nicht mehr alles menschlich an euch, so habt ihr beispielsweise verstärkte Knochen mittels Speziallegierung oder besondere Implantate, welche eure Kampfleistung erhöhen. Aufgrund dieser Verbundenheit seid ihr auch am 13. Mai 1955 bei der Einführung von Kollektiv 2.0 auf dem Weg zur “Anlage 3826”.
Als ihr mit einem Flugauto auf dem Weg zur Anlage seid, bricht plötzlich das Chaos aus. Die Roboter drehen durch und scheinen wahllos alle Menschen anzugreifen. Augenscheinlich ist die Einführung des Kollektiv 2.0 nicht nach Plan gelaufen. Als erfahrener Soldat ist es nun an euch, die Ursache zu finden und das Chaos zu entschärfen. Geübt im Umgang mit Nah- und Fernkampfwaffen, schlagt, ballert und sprengt ihr euch immer näher an die Wahrheit hinter der ganzen Verschwörung.
Ihr müsst jedoch nicht alleine in die Schlacht ziehen. Denn neben dem ein oder anderen menschlichen Verbündeten habt ihr nicht-menschliche Begleiter. Zum einen wäre da euer Handschuh, der auf den Namen Charles hört. Dieser ist mehr als nur ein einfacher Handschuh. Er saugt allerhand Gegenstände in sich auf, dient als grenzenloses Inventar, verschießt Polymer oder gibt Stromstöße aus und quatscht euch noch ein Kotelett an die Backe. Schnell bildet sich eine ganz besondere Freundschaft zwischen euch und Charles.
Der zweite robotische Verbündete ist Nora. Ein sexsüchtiger Roboter, dem ihr im Spiel sehr häufig begegnen müsst. Ich sage absichtlich MÜSST. Denn während eurer Mission erhaltet ihr bei Nora Upgrades und neue Waffen. Das einzige Problem dabei ist Noras andauernde Geilheit. Es vergeht keine Sekunde mit dem pinken Kühlschrank, ohne dass dieser keine sexuelle Anspielung macht. Anfangs noch ganz witzig, werden die Treffen auf Dauer doch sehr anstrengend.
Ein Roboter kommt selten allein!
Natürlich ist Atomic Heart kein ruhiges Erkundungsspiel und kein Walking-Simulator. Denn in der alternativen Welt versucht euch jede Maschine ans Leder zu gehen. Und so trefft ihr auf die unterschiedlichsten Gegner. Von einfachen humanoiden Roboter, die auch mal Laser aus dem Gesicht schießen, über fliegende Drohnen bis hin zu Roboter, die stark an BigDaddy aus Bioshock erinnern. Ob ihr die Roboter eher aus dem Hinterhalt zerstören wollt oder den direkten Kampf sucht, macht dabei keinen großen Unterschied. Auch wenn das Spiel euch die Möglichkeit vorgibt. Denn die Roboter haben ein ultrasensitives Gespür und entdecken euch, sobald auch nur der kleinste Pixel in ihrem Sichtfeld auftaucht.
Dadurch geht dem Spiel einiges an Tiefe verloren, da wir uns nicht die Mühe machen wollten, uns zu verstecken. Auch wenn ihr versucht, Feinde aus der Entfernung zu vernichten, klappt dies nur bedingt. Als Beispiel seid ihr in einer Fabrik. Von oben besiegt ihr einige Feinde in einem Abschnitt, den ihr erst in ein paar Minuten betreten werdet. Dort angekommen sind alle Roboter wieder quicklebendig und machen euch das Leben zur Hölle. Wenn ihr nicht gerade gegen die Übermacht der Monster kämpft, müsst ihr immer wieder Rätsel lösen oder Quicktime-Events absolvieren.
Einfache Schlösser knackt man nicht mit einem Dietrich, sondern schnippt mit den Fingern im richtigen Moment, um das Schloss zu deaktivieren. Manchmal müsst ihr mit der Gravitationsfähigkeit von Charles Kugeln durch Rohre schieben, um einen Reaktor abzukühlen oder ihr müsst verschiedene Ventile betätigen, um euch einen Weg zu bahnen. Die Rätsel waren selten sonderlich schwer und waren eher ein netter Zeitvertreib neben dem ständigen Ballern, als eine echte Herausforderung.
Ein Spiel mit Ecken und Kanten
Grafisch macht die alternative Welt von Atomic Heart einiges her. Eine futurische Welt, gepaart mit einer gewissen Prise Dystopie, macht das Spiel von Mundfish zu einer Augenweide. Auch wenn der Trailer einst mehr versprochen hat, muss sich das fertige Spiel nicht verstecken. Die verschiedenen Areale innerhalb oder auch außerhalb der Anlage unterscheiden sich ausreichend, so dass man nicht das Gefühl hatte, immer wieder durch dieselben Abschnitte und Levelbausteine zu laufen. Auch wenn gerade die ersten Spielstunden sich doch etwas eintönig mit grauen Gängen und Korridoren anfühlten.
Das Kampfsystem erwartet von euch einige Zeit an Übung. Ihr habt die Möglichkeit, einen Ausweichsprung in eine Richtung zu machen und anschließend den Gegner mit allerhand Waffen die Kauleiste neu zu modellieren. Klingt erstmal einfach, ist es aber nicht immer. Es fehlt euch Lock-On System, wodurch ihr im Kampf schnell die Übersicht verliert, da ihr nur selten gegen nur einen Roboter antretet. Nach einiger Zeit habt ihr aber das Kampfsystem verinnerlicht und eure neuen Fähigkeiten fügen sich gut in euer Repertoir an Angriffen ein. Das Klettern hingegen macht das Spielen das ein oder andere Mal zum Graus. Hakelig und langsam waren wir froh, diese Abschnitte schnell hinter uns gebracht zu haben.
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Der letzte große DLC: Blood on Crystal
Der vierte und letzte DLC zu Atomic Heart schließt die erste große Story-Ära des Spiels ab und knüpft direkt an die Ereignisse von Atomic Heart: Enchantment Under the Sea an. Die Handlung beginnt damit, dass die Hauptfigur P-3 nach einem Angriff von Robotern gemeinsam mit seinen Verbündeten gerettet und in die Orb-Laboranlage gebracht wird. Dort entsteht der Plan, die gefährliche KI CHAR-les (Charles) endgültig zu stoppen. Im Verlaufe der Geschichte infiltriert die Gruppe die streng geheime Crystal-Anlage, in der die wahren Hintergründe der Experimente von Professor Sechenov aufgedeckt werden sollen. Dabei spielt insbesondere das Konzept der sogenannten Polymorphs eine zentrale Rolle, also Menschen, die in eine neue, deutlich weiterentwickelte Form überführt wurden. Die Story liefert dabei viele neue Informationen zur Spielwelt und insbesondere zu CHAR-les.
Auch spielerisch bleibt der DLC der Grundstruktur von Atomic Heart treu, verändert aber einige Elemente. Klassische Upgrade-Systeme wurden reduziert und durch ein neues Fortschrittssystem ersetzt, bei dem Fähigkeiten anders verbessert werden. Zudem treten neue Gegnertypen wie die sogenannten RACCOONs oder Polymorph-Kreaturen auf, die für neue Abwechslung sorgen. Die Kämpfe fühlen sich insgesamt dynamisch und fordernd an, auch wenn das verfügbare Waffenarsenal kleiner ausfällt als im Hauptspiel. Dadurch wirkt das Kampfsystem an manchen Stellen etwas eingeschränkter als zuvor. Besonders die Bosskämpfe stechen positiv hervor, da diese deutlich besser ausbalanciert und interessanter gestaltet sind als bisher.
Die neue Umgebung, insbesondere der Crystal-Komplex, überzeugt durch ein abwechslungsreiches Leveldesign. Die Welt ist detailreich gestaltet und lädt immer wieder zum Erkunden ein, in welcher viele kleine Geschichten und Hintergrundinformationen entdeckt werden können. Rätselabschnitte sind zwar vorhanden, dienen jedoch eher als kurze Auflockerung zwischen den Kämpfen. Insgesamt ein toller und runder Abschluss der Geschichte.
Fazit zu Atomic Heart (Gold Edition)
Wenn Technik zu weit träumt
Am Ende bleibt Atomic Heart ein Spiel voller Gegensätze. Die Welt ist faszinierend aufgebaut, die alternative Sowjetunion beeindruckt mit ihrem einzigartigen Stil und einer spannenden Grundidee, die fast schon nach einer großen Science-Fiction-Saga schreit. Besonders das Setting und die visuelle Gestaltung ziehen einen immer wieder in diese seltsam schöne, aber auch verstörende Zukunft.
Doch genau hier zeigt sich auch die Schwäche. Zwischen überdrehten Charakteren, teils nervigen Dialogen und einem Kampfsystem, das nicht immer ganz rund läuft, verliert sich die anfängliche Faszination stellenweise. Auch die Balance zwischen Action, Rätseln und Erkundung wirkt nicht immer perfekt abgestimmt. Wer bereit ist, sich auf Ecken und Kanten einzulassen, bekommt ein ungewöhnliches Spielerlebnis, das dennoch, wenn auch nicht als perfektes Meisterwerk, in Erinnerung bleibt.
Positiv:
Negativ:
Online Multiplayer
Couch-Koop / Splitscreen
Mikrotransaktionen
Lootboxen
Onlinezwang
Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs
Ab in die Sammlung?
Für alle, die mit dem Humor und den politischen Hintergründen klarkommen, ist Atomic Heart eine Reise wert.
Infos zum Text: Dieser Test ist von Jasmin Beverungen in der Ursprungsfassung bereits 2023 veröffentlicht worden. Lediglich die Einleitung, der Abschnitt zu den DLC-Inhalten, sowie das Fazit wurden von Tobias Liesenhoff neu interpretiert und für den erneuten Test der Gold-Edition verändert veröffentlicht.




