Ich hatte bei der Ankündigung von Pragmata noch wenig Begeisterung für das Spiel übrig, was sich erst letztes Jahr auf der gamescom änderte. Ich war schockverliebt in das Action-Spiel und die grundlegende Spielmechanik. Jetzt ist der neueste Streich von Capcom draußen und ich kann nur sagen: Das ist möglicherweise mein Spiel des Jahres.
Fast schon wie Vater und Tochter
Was Capcom hier auf den Tisch gelegt hat, ist kein gewöhnliches Third-Person-Actionspiel. Es ist ein Genre-Hybrid, der sich traut, die gewohnten Pfade zu verlassen. Wir befinden uns in einer nahen Zukunft, auf einem Mondforschungsposten, der von einer feindseligen künstlichen Intelligenz übernommen wurde. Hugh Williams, ein erfahrener Sicherheitssoldat, erwacht nach einem schweren Mondbeben, von seinem Team getrennt, verletzt und allein. Gerettet wird er ausgerechnet von Diana, einem kleinen Android-Mädchen, das aus dem rätselhaften Material namens Lunafilament erschaffen wurde.
Die Beziehung zwischen Hugh und Diana ist das emotionale Herzstück des Spiels, und Capcom weiß das ganz genau. Diana ist neu in der Welt, neugierig auf alles, was sie wahrnimmt, und reagiert mit entwaffnender Unschuld auf die Trümmer menschlicher Zivilisation, die halb vollendet über die Mondoberfläche verstreut sind. Hugh wiederum ist ein abgebrühter, aber im Kern gütiger Mann, der nach und nach eine väterliche Zuneigung zu dem Android entwickelt, ohne dass das Drehbuch je in billigen Kitsch abgleitet. Ja, es ist schon sehr cheesy geschrieben, aber irgendwie ist das total charmant und liebevoll. Ich fühlte mich da an das Remake von Final Fantasy 7 erinnert.
Die Story ist emotional, aber vorhersehbar
Das Szenario rund um die Delphi Corporation und deren Lunafilament-Technologie, die aus Daten buchstäblich Materie erschaffen kann, ist clever konstruiert und stellt auch interessante Fragen über Schöpfung, Bewusstsein und die Natur von Erinnerung. Wo das Spiel aber an Grenzen stößt, ist in der Ausführung des großen Bogens. Die Story bedient sich gelegentlich bei vertrauten Science-Fiction-Klischees, und einige Wendungen lassen sich früh erahnen. Wer tiefes, erzählerisches Labyrinth-Storytelling à la Nier: Automata erwartet, wird nicht vollständig befriedigt werden. Wer aber eine atmosphärisch dichte Geschichte mit zwei warmherzigen Hauptfiguren sucht, ist hier sehr richtig.
Die Synchronleistung beider Charaktere ist tadellos. Diana agiert tatsächlich sehr menschlich und kindlich naiv, aber man kann sie nur gern haben. Hugh ist kein strahlender Held, sondern ein Pragmatiker mit weichem Kern, der seine Unsicherheiten nicht laut ausposaunt. Die Chemie zwischen beiden trägt das Spiel auch dann, wenn die Handlung selbst etwas auf der Stelle tritt.
So geht Action-Gameplay!
Hier schlägt das eigentliche Herz von Pragmata. Das Kampfsystem ist das Innovativste, was das Genre seit Jahren gesehen hat. Die Grundregel ist simpel: Gegner sind gepanzerte Kampfroboter, die sich nicht mit Schusswaffen allein besiegen lassen. Bevor Hugh seinen Schaden verursachen kann, muss Diana die Verteidigungssysteme der Maschinen hacken. Und genau darin liegt das Genie des Kampfdesigns.
Das Hacken funktioniert als Echtzeit-Minispiel auf Dianas kleinem Bildschirm, eingebettet direkt ins Kampfgeschehen. Dabei bewegt man sich über Quadrate zum jeweiligen Ausgang führen und auf dem Weg entsprechende Upgrades oder Fähigkeiten mitnehmen. Und so beginnt ein Abwägen: Nehm ich jedes Upgrade mit? Oder soll ich einfach nur schnell zum Ziel? Denn je mehr man mitnimmt, desto mehr Schaden kann man nach einem erfolgreichen Hack verursachen. Doch das passiert alles in Echtzeit! Man löst Puzzle, die sich in ihrer Komplexität steigern, während gleichzeitig feindliche Salven auf Hugh einprasseln und man mit dem Jetpack ausweichen muss. Das klingt nach Überforderung, geht aber wunderbar von der Hand. Capcom verlangt echte kognitive Flexibilität und Multitasking-Fähigkeit.

Mit den Buttons navigiert man zum grünen Punkt, um das Puzzle zu lösen, während man gegen Mechs kämpft. | Bild: 2026 © Capcom
Pragmata wird nie eintönig
Sobald das System klickt, kann man einfach nicht die Finger von Pragmata lassen. Die Hackpuzzle eskalieren elegant in ihrer Schwierigkeit und variieren in ihrer Logik, sodass Monotonie nie aufkommt. Neue Gegnertypen führen neue Variablen ein, die das gewohnte Muster brechen und immer wieder frische Problemlösungsansätze fordern. Jeder Kampf ist eine kleine Denkaufgabe unter Zeitdruck, und das ist, in der Kombination mit sattelfestem Gunplay. Dadurch, dass ich im Laufe des Spiels auch immer wieder neue Fähigkeiten freischalte, erweitert sich das Gameplay auch nach Stunden noch sehr deutlich, wodurch zunächst für Abwechslungs gesorgt wird, aber auch eben für mehr taktische Tiefe. In meiner Basis kann ich zudem mein Setup festlegen und auch damit experimentieren. Denn so entdecke ich stets neue Kombinationen und fühle mich immer motiviert mich tiefer in das System einzuarbeiten. Dabei fühlt sich alles so wuchtig an, so präzise und mitunter erlebe ich auf dem Bildschirm ein regelrechtes Effektfeuerwerk. Hell yeah!
So gut kann lineares Leveldesign sein
Der Jetpack ist nicht nur Kampfinstrument, sondern auch primäres Fortbewegungsmittel. Das schwebende Erkunden der Mondstation und der teilweise surrealen Außenbereiche gehört zu einer weitere Stärke des Spiels. Die halbfertigen Replikate irdischer Architektur unter dem samtschwarzen Himmel des Alls sind bizarr, aber dafür auch immer interessant und ich sauge die Umgebungen einfach extrem gerne auf.
Das Leveldesign ist dabei recht linear, aber nie stumpf. Die Stationen sind eng genug, um Orientierung zu gewährleisten, und großzügig genug, um Entdeckerfreude zu wecken. Versteckte Protokolle, Tonaufnahmen und Umgebungsdetails füllen die Lücken, die das Hauptdrehbuch lässt, und wer tief in die Lore eintauchen will, wird belohnt. Vor allem belohnt man sich auch nicht nur durch Story-Ergänzungen, sondern auch durch Ingame-Währungen oder Fähigkeiten, die das Gameplay wieder erweitern. Alles ist hier spielerisch relevant! Gelegentliche Platforming-Passagen lockern das Tempo auf, ohne je zur frustrierenden Pflichtübung zu werden.
Ebenfalls verloren habe ich mich in den Trainings-Missionen. Das sind quasi Herausforderungsabschnitte, in denen man kurze Missionen abschließen muss, dabei Gegner besiegt und Gegenstände aufsammelt und das alles unter Zeitdruck. Auch das belohnt das Spiel wieder mit spielerisch relevanten Erweiterungen und so war ich schnell im Loop gefangen, um meine Bestzeit zu schlagen und alles freizuschalten.
Hier läuft alles sauber
Capcoms hauseigene RE Engine zeigt zumindest auf dem PC einmal mehr, warum sie zu den besten Spielengines der Industrie zählt. Die Mondstation ist visuelle absolut rund und wunderbar abgestimmt. Die Gesichtsmimiken der Hauptfiguren sind ausdrucksstark, die Texturen zumeist detailliert, aber vor allem die Effekte sind überwältigend gut.
Die Performance ist dabei hervorragend. Ich hatte grundlegend immer über 100fps und das ohne FSR zu nutzen. Da ich hier aber auch nur bis FSR 3 aktivieren konnte, habe ich hier nur gut geschaut, wie gut es funktioniert. Doch damit verkommt die Optik zu einem einzigen Kantenflimmern. Aber wie gesagt, man kann wunderbar drauf verzicten, weil das Spiel auch so herrlich flüssig bei mir lief. Technische Probleme, wie Bugs sind mir nicht untergekommen.
Der Soundtrack von Pragmata fiel mir ebenfalls positiv auf, weil er nicht nur die Story in ihrer Atmosphäre unterstützt, sondern auch die spielerische Intensität und das Spielgefühl begleitet. Pragmata verbindet einfach so viele Elemente so gekonnt zusammen, um eben den Kern, das Gameplay, so gut wie möglich als Spieleerfahrung abzubilden.
Selbst nach dem Ende geht es weiter
Der Hauptdurchlauf von Pragmata dauert zwischen 8 und 12 Stunden, je nachdem, wie intensiv man die Umgebungen erkundet. Das ist für ein lineares Actionspiel ein angemessener Umfang, denn die Entwickler stopfen kein künstliches Padding in die Spielzeit. Nach dem Abspann öffnet sich ein ordentlicher Postgame-Bereich mit herausfordernden Combat-Trials und schwer versteckten Collectibles, der die Gesamtspielzeit für Vervollständigungs-Enthusiasten deutlich nach oben treiben kann.
Verschiedene Schwierigkeitsgrade und ein integriertes Bewertungssystem für Kampfeffizienz sorgen dafür, dass Action-Veteranen einen Grund haben, Kämpfe zu wiederholen und sich an der Perfektion zu versuchen. Die Mechaniken sind tief genug, um mehrere Durchläufe zu rechtfertigen. Wer Pragmata einmal versteht, will es besser spielen, und das ist ein Zeichen exzellenten Gamedesigns.
Fazit zu Pragmata
Pragmata ist das mutigste Action-Spiel seit Jahren. Erstmals seit Vanquish habe ich das Gefühl, dass hier ein Spiel um eine hervorragend intelligente Spielmechanik herum gebaut wurde, die mich so fordert, begeistert und unterhält. Dabei erweitert sich selbiges noch so wahnsinnig gut durch die Progression. Pragmata wird somit immer taktischer und komplexer, aber nie überfordernd. Dazu die tolle Präsentation, die emotionale Charakterbindung. Hach… ihr lest schon raus: Ich bin mehr als begeistert! Pragmata ist für mich nicht nur mein bisher liebstes Spielerlebnis des Jahres, es ist auch eines, über welches ich auch nach Jahren noch positiv berichten werde. Es braucht mehr solcher Spiele. Einfach, weil es so eine intensive und einzigartige Spielerfahrung ist. Wenig überraschend bleibt mir nur zu sagen: Pragmata ist mein GOTY-Contender!
Positiv:
Negativ:
Online Multiplayer
Couch-Koop / Splitscreen
Mikrotransaktionen
Lootboxen
Onlinezwang
Kostenpflichtiger Seasonpass für DLCs
Pragmata erhält den NAT-Games-Award

Ab in die Sammlung?
Ja!!!







