Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle – Remakes inmitten von Diskrepanz und Konsequenz

Remaster und Remakes – durchaus differente Ansatzpunkte, die dessen ungeachtet eine verwandte Zielsetzung verfolgen. Während Remaster sich nur auf die notwendigsten Mittel beschränkt, um das jeweilige Produkt in die Neuzeit zu hieven, gleichen Remakes teils kompletten Neuinterpretationen. Die Investition an Zeit, Aufwand und Ressourcen, die daraus resultierenden Umsatzprognosen, die Gewichtung der Marke bei der Zielgruppe als auch die “Spielbarkeit” der Vorlage machen es dem Entwickler-Publisher-Gespann nicht immer einfach, eine adäquate Entscheidung über die Umsetzung der Neuauflage zu treffen. Besonders der Entschluss hin zum Remake wirft mitunter nicht nur bei den Spielern Fragen nach Anpassungen und Verbesserungen sowie der übergeordneten Rechtfertigung auf, auch die Unternehmen selbst stehen vorrangig vor der philosophischen Fragestellung: Inwieweit darf man das Original verfremden, um es spielbar zu halten, aber dennoch nicht den Charme sowie die fundamentale Aussage des dahinterstehenden Werkes zu verlieren?

Mit diesem inneren Diskurs musste sich zuletzt Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle respektive ILCA und Nintendo “belasten”. Zwischen dem Release der Ursprungsfassungen und dem Remake liegen mitunter gut 14 Jahre, die nicht spurlos an der Rollenspiel-Reihe vorbei gerauscht sind. So zeigten zuletzt Pokémon Let’s Go Evoli und Pikachu, wie man das Franchise in die Neuzeit hievt. Pokemon-Legenden: Arceus soll dann im kommenden Jahr die Weichen für eine andersartige, modernere Erfahrung im Rollenspiel-Segment stellen. Und urplötzlich befindet sich Nintendo inmitten eines grazilen Spagats zwischen Zugänglichkeit und dem respektvollen Umgang mit der Vorlage, während die Zielgruppe hinter der obligatorischen Frage “Lohnt sich der Kauf?” und der provokanten Aussage “Das ist nicht mehr mein Pokémon” eine eindeutige Positionierung fordert.

Grund genug für uns einmal einen genaueren Blick auf Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle zu werfen und herauszufinden, wie Nintendo versucht dem Remake-Wahnsinn und seinen augenscheinlich diskrepanten Anforderungen gerecht zu werden, wie sich die Entscheidungen des japanischen Entwicklers ILCA rechtfertigen lassen und ob wir letztendlich auf ein mehr als nur pragmatisches Spielerlebnis zurückgreifen dürfen.

Unsere ausführliche Meinung zu der Umsetzung der Remakes könnt ihr derweil in unserer Review nachlesen.

 

Das Nötigste, um das Nötigste zu erreichen?

Der erste Anlaufpunkt in jedem Spin-off der populären Rollenspiel-Reihe sind natürlich die Taschenmonster selbst. Dank der Konzeptionierung vom Cloud-Service Pokémon Home dürfte es zumindest in der Theorie (!) künftig nicht an den differenten Monsterchen mangeln. Die eigenständige und partiell kostenpflichtige Software bietet Spielern unter anderem die Möglichkeit, die ikonischen Bestien übergreifend zwischen diversen Editionen zu transferieren sowie auf das globale Handelssystem mit fremden Online-Spielern zurückgreifen – die eigene Sammlung zu komplementieren sollte somit in Zukunft also kein Problem mehr sein. Ja, theoretisch. Praktisch sieht die Sachlage in den aktuellen Remakes allerdings anders aus. Die Integration des Cloud-Dienstes ist nämlich vorerst für 2022 angestrebt, was gleichermaßen bedeutet, dass Strahlender Diamant und Leuchtende Perle seit ihrem Remake nur mit ihrer originalen Taschenmonster-Besetzung von der ersten bis zur vierten Generation aufwarten. Eine Tatsache, die uns als Spieler eine Reise in die Vergangenheit regelrecht aufzwingt. Das ist dank des nur temporären Umstandes aber weitaus nicht so konsequent gehalten – Nintendo schafft uns zumindest eine Art an Option, ob gewollt oder eher zweckmäßig sei mal dahingestellt.

Der wohl polarisierendste Aspekt in Strahlender Diamant und Leuchtende Perle ist unbestreitbar die optische Umsetzung. Anstatt auf den sehr realistischen, greifbaren Stil eines Pokemon Let’s Go zu setzen, orientiert sich ILCA deutlich an der Nintendo DS-Vorlage. Trotz verbesserten Texturen und aufgearbeiteter Schattengebung traf aber vor allem der Chibi-Look der Charaktere auf die unüberhörbare Missbilligung der Fangemeinde. Die “Kopffüßler” sorgen für einen unerwünschten Mobile-Look – eine durchaus interessante Kritik, wenn man bedenkt, dass sich unsere Jugend in eben genau diesem Stil “abgespielt” hat. Eine Aussage, die so extrem von der Moderne geprägt ist, dass man meine vorangestellt These, die die diesen Text eigentlich tragen soll, gar ins Absurdum führt.

Dennoch bleibt die Frage zurück: Was ist der Mehrwert des wenn auch ausgearbeiteten “Retro-Looks”? Sofern keine plausible Argumentationsgrundlage für das Spiel, eben für ein Remake, erklärt werden kann, ist es nur – wirklich ausschließlich – zweckdienlich. Und ein Zweck heiligt bekanntlich nicht die Mittel. Ist ILCAs Definition eines Remakes vielleicht doch schlichtweg ‘Das Nötigste, um das Nötigste zu erreichen’?

Aber zurück zum Herzstück: Die Pokemon. Der vertraute Gameplay-Loop kehrt selbstredend auch in den Neuauflagen zurück. Wie könnte es auch anders sein, wir würden es auch nicht anders wollen: fangen, trainieren, kämpfen – der unvermeintliche Weg zum Pokemon-Meister. Wäre da nicht der enormer Zufallsfaktor, den Nintendo einst ausgetrieben hat und ILCA nun vermessen retourniert. Die Rede ist vom Random encounter. Ein Konzept, das so alt wie das JRPG-Konzept selbst zu sein scheint und vor der Frage nach der aktuellen Relevanz flüchtet. Wer vormals in Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle Taschenmonster einfangen wollte, wurde in den wuchernden Grasteppichen vollkommen willkürlich von eben diesen konfrontiert. Pokémon: Let’s Go Evoli! und Pikachu! zeigten, wie man dieses unsystematische Konstrukt aufbricht, indem die bunten Monsterchen unverhohlen in der offenen Spielwelt angezeigt werden. Ein einfaches Konzept, dass den Spielablauf deutlich weniger träge, repetitiv und frustrierend gestaltet, einen großen Schritt hin zur Realitätsnähe hechtet und mittels angriffslustiger, proaktiver Taschenmonster nicht zwangsläufig zu stark in die Anspruchslosigkeit rutscht.

“Aber so war das früher nunmal”- ok, aber Gewohnheit sollte bekanntlich nie zur Begründung werden dürfen, auch wenn unabbestreitbar dieses willkürliche System einen gewissen Überraschungsei-Effekt mit sich führt, nur eben gänzlich ohne Schokolade, die über den enttäuschenden Inhalt hinwegzutrösten vermag. Man müsste ILCA dennoch die Rechtfertigung durchgehen lassen, dass ihre Remakes fokussierter auf das damalige Spielerlebnis eingehen und es teils konsequenter zurückbringt, Spielbarkeit vorausgesetzt. Man müsste. Umso ironischer, dass sich auch eine gewisse Zufälligkeit beim Vorgehen des Entwicklerteams selbst abzeichnet. Während ihr auf der Oberwelt zu den wahllosen Zusammentreffen gezwungen werdet, sieht das Bild in den optionalen Untergrundhöhlen wiederum ganz anders aus. Hier gibt es ganze Areale, in denen sich Pokémon uneingeschränkt sichtbar tummeln dürfen und auf Auseinandersetzungen mit euch warten. Unbestreitbar ein Gewinn für viele Pokémon-Enthusiasten, durchaus aber ein eklatanter Fehler von ILCA – diese fehlende Stringenz innerhalb der Umsetzung hat euch leider gerade die einzige akzeptable Argumentationsgrundlage geraubt.

 

Das Streben nach Kompromissbereitschaft

Während Pokémon: Let’s Go Evoli! und Pikachu! für viele als das neuzeitliche Vorbild der Reihe gewertet werden, schwächelten die Titel deutlich in ihrer klaren Simplizität. Während die Switch-Ableger sich offenkundig an eine jüngere Zielgruppe richteten, griffen weitere, aktuellere Editionen der Reihe aber dennoch einige der anspruchsloseren Elemente auf. Der VM-Einsatz war so nicht mehr an einzelne Pokémon geknüpft, was dem freiheitlichen Rollenspiel-Konzept deutlich mehr Luft zum Atmen gewährte. Gegensätzlich dazu steht der EP-Teiler allerdings durchgängig harsch in der Kritik. Da wo ILCA sich strikt (ironischerweise besteht hier tatsächlich eine gewisse Stringenz im Handeln des Entwicklers) weigerte sich konsequent an Spielelemente zu binden, verliert man diesbezüglich plötzlich jeglichen Mut zur Mutlosigkeit. Der EP-Teiler, der automatisch die gewonnenen Erfahrungspunkte auf alle Teammitglieder umverteilt und sich somit der ungleichmäßigen Stärkeverteilung den Kampf angesagt hat, lässt sich nämlich konsequenterweise – hier darf gelacht werden – nicht ausschalten. Ein Konstrukt, das leider abermals in den Remakes die provokante These “Pokémon ist ein Spiel für Kinder” stützt. Optionen, Auswahl, Selbstbestimmung, der Aufschrei des 21. Jahrhunderts.

Während der EP-Teiler lediglich die Quality-of-Life-Anpassungen der Privilegierten mimt, führen einige etablierte Neuerungen zur wahren Qualitätsverbesserung und der so wichtigen Zugänglichkeit. So wird mittlerweile ausgewiesen, welche Attacken in den rundenbasierten Schlachten effektiver sind, gleichermaßen könnt ihr zukünftig auch überall auf euren gesamten Pokemon-Roster zurückgreifen. Mehr Lebensqualität für Pokémon-Trainer, Barrierefreiheit für Einsteiger und wahlweise Gleichgültigkeit bei Profis – unbestreitbar akzeptabel, auch ohne Kompromissbereitschaft.

Vergebens nach einer glaubwürdigen Rechtfertigung sucht man hingegen in Bezug auf die fehlenden Platin-Features. Gut ein Jahr nach dem originalen Perl und Diamant veröffentlichte Nintendo nämlich schon einmal eine Revision der bestehenden Editionen. Kleinere Verbesserungen und Komfortfunktionen wie die überarbeitete Pokétch Anwendung paaren sich hier mit richtungsweisenden Korrekturen, die unter anderem in fordernde Arena-Puzzle oder einnehmenderen Story-Sequenzen resultieren. Änderungen, die das Spielgeschehen in ihrer Gänze so aufwerteten, dass sie mittlerweile in Fankreisen den Ruf innehaben, an dem Erfolg der vierten Generation maßgeblich, nein fast schon alleinig, beteiligt gewesen zu sein. Eine zwar äußerst ambitionierte Aussage, die aber ILCAs fast schon ignorantes Vorgehen und augenscheinlich hohe Impertinenz noch einmal provokativ in den Fokus rückt.

Pokémon

 

Mit Optionen hin zur Spielbarkeit?

Ein über Jahre hinweg erfolgsverwöhntes Franchise hat mitunter diese eine große Bürde zu schultern: Die Fangemeinde selbst. Diese ist ironischerweise nicht nur für eben diesen Erfolg verantwortlich, sondern gleichermaßen auch für eines der gravierendsten Probleme. Man zwingt dem Lizenzinhabern unbewusst eine gewisse diskrepante Denkweise auf, der es nahezu unmöglich ist gerecht zu werden. Eine Fangemeinde, die sich über mehrere Generationen hinweg erstreckt, kann sich rein rational betrachtet ja schließlich auch in kaum einem geeigneten Konsens finden. ILCA rast dabei schnurstracks auf eine Kritikergruppe zu, die einerseits moderne Anpassungen nicht akzeptieren kann und gleichsam in einer ähnlichen Intensität Änderungen fordert.

So ausweglos sich die Situation in der Theorie auch schildert, zeigt sich in der Praxis durchaus ein problembefreiteres Bild – gerade wenn man den Blick über die Konkurrenz schweifen lässt. Neuauflagen wie Halo: Combat Evolved Anniversary und Diablo 2 haben es bereits vorgemacht: Optionen. Die Lösung ist individuell anpassbare Alternativen – zugegeben: weniger konsistent, durchaus aber funktionabel. Im Fokus bleibt nämlich das Spielerlebnis an sich. Remakes sollten niemals nur allein die Zielsetzung verfolgen, die Software wieder spielbar zu machen, sondern diese spielbar zu halten. Geht es allerdings nur um die Verfügbarkeit, geht es ausschließlich um den Gewinn. Eine Gleichung, bei der zumeist die gesamte Spielerschaft verliert. ILCA verfolgte bei der Entwicklung der Remakes zugegebenermaßen keine allzu konsequente Richtung, restauriert aber mitsamt einiger sinnvoller Quality-of-Life-Verbesserungen sowie wenn auch nur geringfügiger Auswahlmöglichkeiten zumindest ein gutes Pokémon-Spielerlebnis zu einem guten Pokémon-Spielerlebnis. Vielleicht geht ‘gut’ auch besser, vielleicht hätte dem Spiel etwas mehr Konsequenz auch besser getan, und vielleicht äußert sich Konsequenz auch einfach darin nicht konsequente, anpassbare Elemente einzubringen.

Ganz sicher aber dürfen wir die Versäumnisse eines Entwicklers nicht zwangsläufig mit Impertinenz gleichsetzen und eigentlich sollten auch wir nur das finale Spielerlebnis an sich betrachten dürfen, denn darum geht es in einem Remake doch schlussendlich, oder?

Pokémon Strahlender Diamant [Nintendo Switch]
  • Plattform: Nintendo Switch
  • Altersfreigabe: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
  • Genre: Abenteuer
  • Version: Standard

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Geschrieben von Jennifer Engelhardt
Mein Pokédex ist cooler als dein iPhone.
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