Let There Be Carnage – Wie Venom das Kino umkrempelt

Nach langem Warten ist es endlich so weit und die Fortsetzung des mäßig erfolgreichen Venom-Standalone-Movies von 2018 kommt in die deutschen Kinos. Erneut mit Tom Hardy in beiden Hauptrollen und dieses Mal mit Regie von Andy Serkis verspricht Let There Be Carnage, eine comicgetreue Adaption zu werden, quasi von Fans für Fans.

Die ersten Kritiken aus den USA, wo der Film bereits vor zwei Wochen erschien, waren jedoch größtenteils ernüchternd. Es handle sich um ein komplett enttäuschendes Chaos aus unnötigen Innuendos und überflüssigen Dialogen zwischen den Charakteren und das Wesentliche – die Kämpfe zwischen Carnage und Venom – kämen dabei viel zu kurz.

Gemeinsam mit Lennart, der bereits ein Review zum zweiten Venom-Teil geschrieben hat, habe ich mir den Film angesehen und als jemand, der schon unheimlich viel Spaß mit Teil eins hatte und zusätzlich dazu auch noch im Fandom unterwegs ist, ist meine Meinung eine etwas andere. Warum genau ich finde, dass Let There Be Carnage ein klasse Film war, der vor allem eine starke Botschaft sendet und einen Meilenstein in modernen Comicverfilmungen darstellt, erkläre ich euch hier, aber seid gewarnt: es folgen Spoiler! Wenn ihr den Film also noch nicht gesehen habt, dann geht ihr am besten jetzt sofort ins Kino und kommt danach zurück hierher.

Alles klar? Super. Los geht’s.

 

Queer is here!

Ich will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden und wenn ihr ein bisschen im Thema drin seid, dann wisst ihr, was ich meine: Der offensichtliche Dorn im Auge vieler Kritiker*innen des Films ist die Beziehung zwischen Eddie Brock und Venom. Während sich schon im ersten Film das ein oder andere Innuendo versteckt hatte, so macht Let There Be Carnage doch unmissverständlich klar, dass die beiden mehr verbindet als bloß ihre Symbiose und dass auf jeden Fall starke Gefühle im Spiel sind. Bereits in den ersten 20 Minuten fallen Top/Bottom-Witze und im Verlauf des Films wird das Klischee des alten Ehepaars, das nach Release des ersten Films häufig scherzhaft erwähnt wurde, eigentlich bloß bestätigt. Eddie und Venom ecken in ihrem Alltag wegen der trivialsten Dinge aneinander, streiten sich über Essgewohnheiten und den Zustand der gemeinsamen Wohnung, werfen sich an den Kopf, dass der jeweils andere gar nicht richtig zuhört und das alles spitzt sich zu, bis die beiden sich in einer ausgewachsenen Schlägerei wiederfinden und daraufhin scheinbar endgültig trennen.

Die Dialoge der beiden, die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen und besonders wie der große Streit zwischen ihnen präsentiert wird, all das schreit förmlich nach schiefgelaufener Ehe. Natürlich kann man hier noch damit argumentieren, dass Venom buchstäblich in Eddies Körper lebt und die beiden 24/7 miteinander verbringen und das mag sicherlich auch mit in die Gesamtsituation reinspielen, doch die Parallelen zu einem Liebespaar hören hier noch nicht auf.

Nachdem Venom die im Kampf verwüstete gemeinsame Wohnung verlässt, verbringt er einige Zeit damit, von Wirt zu Wirt zu wandern auf der Suche nach Akzeptanz und Freiheit. Diese Reise führt ihn schließlich zu einer Halloween-Party, auf der er mehrfach angesprochen und für sein Kostüm gelobt wird (das natürlich keins ist) und schließlich hält er eine kleine Rede darüber, wie er sich von Eddie nicht wertgeschätzt gefühlt hat, dass Eddie ihn verstecken wollte, sich für ihn geschämt hat und er nun endlich ein „Coming Out“ feiern kann – dass er ein buchstäbliches „Coming Out of Eddie“ meint, geht natürlich vollkommen an den Partygänger*innen vorbei und ist eigentlich sowieso eher nebensächlich. Die gesamte Szene ist unheimlich queer-coded, ein Paradebeispiel von offensichtlichem Subtext und man kann gar nicht verleugnen, dass Sony hier ein eindeutiges Statement zu Venoms Gefühlen gemacht hat. Spätestens hier wird klar, dass Eddie für ihn mehr ist als bloß eine Unterkunft auf der Erde – nicht nur ein „temporary ride“, sondern vielmehr ein „ride or die“ (no pun intended).

Und genau hier liegt das Problem, das Kritiker*innen (aber demographisch betrachtet vor allem männliche, heterosexuelle Fans des Franchises) mit dem Film haben: Denn auch, wenn Carnage und Cletus Kasady eine enorm wichtige Rolle spielen und es natürlich auch epische CGI-Fights gibt, so liegt der Fokus des Films doch auf der deutlich romantisch gerahmten Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren. Und das ist etwas absolut Neues, etwas, das wir in der Form im Kino noch nicht gesehen haben. Oder etwa doch?

Bildrechte © Sony Pictures Entertainment; Meme © Julia Dohm

 

Der Mensch und die Romantik

Distanzieren wir uns mal für einen Moment von den Details der Geschichte und brechen sie stattdessen runter in eine grobe Vereinfachung: Ein Mensch und ein nicht-menschliches Wesen finden durch äußere Umstände zueinander und es entwickelt sich eine Verbindung zwischen ihnen, die schlussendlich in ihrer Natur eher romantisch als platonisch ist. Kommt euch bekannt vor? Mir auch. Die Schöne und das Biest. Arielle, die Meerjungfrau. The Shape of Water. Sogar (und ich wage kaum, diesen Fiebertraum von Film in diesem Text zu erwähnen) Bee Movie. Und wenn wir es ganz genau nehmen, dann gilt dieses Trope auch für größere Franchises wie zum Beispiel die Serie Lucifer oder das Marvel Cinematic Universe.

Ja, auch der aktuell größte Film-Franchise arbeitet mit dieser Art von Liebesgeschichte. Und das sogar mehrfach. Thor und Jane Foster oder Peter Quill und Gamora sind hier vielleicht die populärsten Beispiele. Sowohl Thor als auch Gamora sind nicht von der Erde, sondern stammen von anderen Planeten und weisen gravierende physische Unterschiede zum durchschnittlichen Menschen auf. Die mögen jetzt vielleicht abseits von Kraft oder Farbe nicht allzu gravierend sein, aber sie sind da. Die Beziehungen, die sie innerhalb des MCU mit Menschen haben, sieht das durchschnittliche Publikum aber nicht als problematisch oder seltsam, denn die zwei sind anthropomorph genug, als dass, wenn man nicht zu sehr drüber nachdenkt, als Menschen durchgehen.

Kommen wir nun zurück zu den anderen Beispielen. Denn hier ist die Nicht-Menschlichkeit der jeweiligen Personen absolut unanfechtbar. Okay, das Biest aus Die Schöne und das Biest ist eigentlich ein Prinz, der sich schlussendlich zurückverwandelt, und Arielle geht und steht wie eine normale menschliche Frau, als Prinz Erik sie kennenlernt, das gebe ich zu. Aber Bee Movie? The Shape of Water? Besonders letzteres ist mein Lieblingsbeispiel in dieser Debatte und ich habe bereits Stunden damit verbracht, mich bei Freund*innen darüber aufzuregen und jetzt bleibt ihr auch nicht von meiner Meinung verschont.

Für die, die The Shape of Water nicht gesehen haben (ihr glücklichen): Eine stumme Frau, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdient, nachts in einer Forschungseinrichtung zu putzen, freundet sich mit einem der Versuchsobjekte an, einem Fisch-Mann, dem sie Gebärdensprache beizubringen versucht. Nach einigem Hin und Her und dramatischen Wendungen gehen die beiden eine Beziehung miteinander ein und kriegen sogar ihr Happy End. Und obwohl die Grundidee hinter der Geschichte, dass nämlich Liebe keiner Norm entsprechen muss und wir um unsere Unterschiede herum arbeiten können, eine wirklich gute ist, finde ich sie schlecht exekutiert. Nicht zuletzt, da es nicht den Eindruck macht, als handle es sich bei dem Fisch-Mann um intelligentes Leben in demselben Maße, wie das bei uns Menschen der Fall ist. er ahmt die Zeichen und Gesten nach, die sie ihm zeigt, und scheint nicht in der Lage zu sein, eine vernünftige Konversation mit ihr zu führen und das Einzige, was die beiden wirklich verbindet, ist die Unfähigkeit, zu sprechen.

Auf dem Papier ergeben Eddie und Venom da doch viel mehr Sinn zusammen. Venom ist ein selbstständig denkendes Wesen, das nicht nur nachahmt, was es sieht, sondern Konversation machen kann, das Gedanken und Gefühle hat, die den von uns Menschen unheimlich nahe kommen; er hat Meinungen und das Bedürfnis, diese auszudrücken, er streitet und gibt klein bei, er hat, kurzum, eine richtige Persönlichkeit. Das kann man wiederum von dem Fisch-Wesen aus The Shape of Water nicht behaupten. Warum, also, bekommt so ein Paar ein Happy End? Warum ist das okay? Warum leben diese beiden Individuen glücklich bis an ihr Lebensende und bekommen dafür einen Oscar für den besten Film, aber wenn Eddie Brock und Venom Anstalten machen, sich von „widerstrebende Freunden-slash-Kollegen“ zu „in einer Beziehung“ zu entwickeln, ist das plötzlich beunruhigend, störend oder abstoßend?

Anders gefragt: Was haben all diese anderen Paare gemein, was bei Venom und Eddie nicht der Fall ist? Richtig – es handelt sich um heterosexuelle Beziehungen. Und auch, wenn wir uns im einundzwanzigsten Jahrhundert wirklich über andere Dinge sorgen sollten als Männer, die Männer lieben und Frauen, die Frauen lieben, so ist es gerade in Hollywood doch fast noch ein Tabu, offen über alles zu sprechen, was nicht-hetero ist.

(Eine kleine Ergänzung am Rande, die ich im Kontext dieser Diskussion für sehr wichtig halte: Bisher ist in den Filmen nicht spezifiziert worden, wie Geschlecht und Gender bei der Alien-Art, der Venom angehört, funktioniert oder ob es das überhaupt gibt. Ich verweise auf Venom mit männlichen Pronomen, weil diese im Film benutzt werden und der Charakter generell eher männlich gelesen wird.)

 

One step ahead

Mit Venom und Eddie rückt das erste Mal ein queeres Paar in den Fokus eines großen Mainstream-Films (und unweigerlich in den eines ganzen Franchises). Damit passt sich Venom dem aktuellen Zeitgeist voll an, macht mit bei einem Umbruch, der besonders in den letzten Jahren im Kino beobachtbar ist.

Unsere Popkultur, unser Mainstream wird von einer ganzen Reihe an Glaubensgrundsätzen, Werten und moralischen Vorstellungen geprägt und ist eng an das geknüpft, was die breite Masse der Gesellschaft ausmacht oder was eben für diese Gruppe attraktiv ist. Ein liberaleres, offeneres Denken, wie es in gerade jüngeren Generationen und zunehmend in der Mitte der Gesellschaft zu finden ist, formt also das Kino der Welt mit. Es wird immer bemerkbarer, dass wir uns in einer Zeit des Umbruchs befinden, und das wird in den Filmen, die es in den Mainstream schaffen, reflektiert. Ich denke, dass Venom genau auf dem richtigen Weg ist, uns aber in gewisser Weise noch Meilen voraus – er ist quasi „ahead of ist time“, wenn man so will.

Lasst mich erklären, was ich meine: Wir alle kennen die Deadpool-Filme und wissen, wie unheimlich gut diese bei der breiten Masse der Kinogänger*innen angekommen sind. Kritiker*innen haben sie geliebt und Fans der Comics noch mehr. Meiner Meinung nach ist ein Teil des enormen Erfolgs der Filme die Tatsache, dass sie sich in einer kleinen Grauzone zwischen Gewünscht und Verpönt bewegen. Beide Filme halten sich in vielerlei Hinsicht an die altbekannten und etablierten Tropes und Werte, die in unserem Mainstream gut ankommen und die das Publikum sehen will. Auf der anderen Seite brechen sie gerade genug Tabus, um aus der breiten Masse der Action- und Superhelden-Filme herauszustechen. Und diese Kombination zwischen Regelkonformität und Ausbruch aus dem Etablierten (und damit ein Erweitern des Mainstream-Horizonts) funktioniert unheimlich gut – vielleicht auch gerade wegen des einzigartigen Charakters.

Zurück zu Venom. Auch hier werden Tabus gebrochen, Grenzen überschritten und Regeln missachtet, allerdings in viel größerem Stil als bei Deadpool und ohne sich an genug Vorgaben zu halten, um noch als Mainstream durchgehen zu können. Diesem ist Venom also meiner Meinung nach weit voraus und ich gehe davon aus, dass er in zehn oder fünfzehn Jahren auf keinen Fall so skandalös angesehen werden oder in der Kritik stehen würde, wie er es heute tut. Denn der Umbruch des Altbekannten, das Ausbrechen aus alten Werten und Norman, das findet aktiv statt. Auch im MCU können wir das beobachten, wenn auch in viel kleinerem Rahmen: Mit Black Widow und Captain Marvel haben wir endlich starke weibliche Hauptcharaktere, die nicht von den Männern in ihrem Umfeld abhängig sind (vielleicht sogar das erste Mal in der neuzeitlichen Kinogeschichte) und Shang-Chi brach aus westlichen Erzählweisen aus und schaffte es, chinesische Kultur authentisch und auch für (generisch gesagt) weißes Publikum fesselnd darzustellen. Das sind zwei Fronten, an denen wir eine Veränderung der Vorstellungen von Hollywood festmachen können und der enorme Erfolg dieser Filme spricht für sich. Wir steuern in die richtige Richtung. Und dazu gehört nun einmal auch queere Repräsentation, an der es leider immer noch enorm mangelt. Venom macht hier also einen wichtigen Schritt zu auf mehr Akzeptanz im Mainstream.

Ebenfalls mehr Akzeptanz finden mit Filmen wie eben Venom oder Deadpool Dinge, die in Comics bereits seit Langem fast schon zur Normalität gehören, aber für Kinopublikum noch zu seltsam, zu verrückt, zu komisch oder zu sehr aus einer bestimmten Nische stammend ist. Und das schwappt auch langsam aber sicher in die Welt der Popkultur über, wie zum Beispiel der animierten Marvel-Serie What if…? In der fünften Folge erlaubt der Watcher, der Erzähler der Serie, einen kleinen Einblick in das Zombieverse, ein Paralleluniversum, in dem ein gefährliches Virus fast die gesamte Menschheit in bösartige Kannibalen verwandelt. Für Comic-Fans ist dieser spezifische Take auf eine alternative Marvel-Realität bei Weitem nichts Neues und das Zombie-Narrativ ist in unzähligen Heften bedient worden. Diese Absurdität feiert hier aber Premiere im Mainstream, und das, obwohl sie – schlicht gesagt; entschuldigt den Ausdruck – vollkommen abgefuckt ist.

Bildrechte © Sony Pictures

 

Unterm Strich…

Und hiermit landen wir bei einem weiteren Aspekt, der eigentlich perfekt zusammenfasst, warum Venom in meinen Augen ein guter Film ist: Er ist sich seiner Zielgruppe absolut bewusst. Er bricht Tabus und überschreitet Grenzen des aktuell angesehenen Mainstreams, ja, aber das tut er mit voller Absicht, denn er will nicht den Kritiker*innen gefallen und ebenso wenig der breiten Masse. Let There Be Carnage ist eine Hommage an die Comicvorlage, spielt mit den Tropes, die dort schon etabliert sind und adressiert mit alledem in erster Linie die Fans, die diese Comics gelesen haben. Diese brechen Tabus schon seit vielen Jahrzehnten und hier ist, um Queerness wieder aufzugreifen, unmissverständlich klar, dass das, was da zwischen Eddie und Venom ist, eine romantische Beziehung ist.

Was ich eigentlich sagen will: Venom – Let There Be Carnage ist kein Film auf Comicvorlage, sondern eine Comicbuch-Verfilmung. Er weiß genau, was er ist und schert sich nicht darum, welche Regeln des kontemporären Kinos er bricht, er entschuldigt sich nicht für Grenzüberschreitungen, sondern zieht sein Ding durch. Und das macht ihn für mich so überzeugend.

Abschließend kann ich euch nur ans Herz legen, dass ihr, wenn ihr den Film kritisiert, das im Hinterkopf behaltet und nicht versucht, ihn in das Narrativ des modernen Kinos zu packen, denn dort funktioniert er nicht.

Was haltet ihr von Let There Be Carnage? Wie findet ihr die Beziehung zwischen Eddie und Venom? Und wie glaubt ihr könnten die beiden in Zukunft in den größeren Kontext des Sony-Spiderverse eingebaut werden? Hinterlasst mir gerne dazu einen Kommentar!

Venom [Blu-ray]
  • Tom Hardy, Michelle Williams, Woody Harrelson (Schauspieler)
  • Ruben Fleischer (Regisseur)
  • Zielgruppen-Bewertung: Freigegeben ab 12 Jahren

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©Titelbild: Sony Pictures Entertainment

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Geschrieben von Julia Dohm
durchbricht gern die 4. Wand und redet mit dem Publikum
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